Predigt über Ex 33, 18-23 am 2. Sonntag nach Epiphanias, 15.1.2023 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde,

was ist nun Epiphanias? Epiphanias bedeutet übersetzt Erscheinung, und gemeint ist die Erscheinung der Liebe und Gnade Gottes, wie sie zu Weihnachten in die Welt gekommen ist und unter uns lebt. Aber können wir das glauben? Mir scheint es so, als könnten wir davon nur singen. Im Lied lassen wir uns von der Schönheit der Melodie und der poetischen Kraft der Texte mitnehmen. So wie im Wochenlied: Du Morgenstern, du Licht vom Licht, das durch die Finsternisse bricht, du gingst vor aller Zeiten Lauf in unerschaffner Klarheit auf. Du Lebensquell, wir danken dir, auf dich, Lebend’ger, hoffen wir. Denn du durchdrangst des Todes Nacht, hast Sieg und Leben uns gebracht. – In unseren Liedern lassen wir unserem Glauben freien Lauf, da denken wir gar nicht nach, da lassen wir uns nicht von Angst und Zweifel beirren. Wenn wir unseren Glauben aber in Worten ausdrücken wollen, stammeln wir nur. Dann stockt uns der Atem, dann versiegt der Redefluss, der im Lied so sprudelnd aus uns hervorgequollen ist. Wenn wir von unserem Glauben singen, kommt er uns leicht über die Lippen. Wenn wir ihn hingegen erklären sollen, geraten wir in Erklärungsnot.

Vielleicht fragen und flehen wir dann wie Mose in dem Predigtwort, das wir gleich hören werden: Herr, lass mich doch deine Herrlichkeit sehen! – Vermutlich nicht in diesen Worten. Aber wir alle kennen das Stoßgebet: Lieber Gott, hilf! – Oder Äußerungen, in denen wir unsere Resignation und Enttäuschung über Gott zum Ausdruck bringen: Der da oben macht ja doch, was er will! Wenn es einen Gott gäbe, dann dürfte der doch nicht zulassen, was alles Schlimmes passiert! Wenn es einen Gott gäbe, dann müsste man ihn doch auch mal sehen! Und Mose bittet: Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen! - Mose bittet dies in großer Not. Auch bei uns ist es doch sprichwörtlich die Not, die uns beten lehrt. Zugleich aber fühlen wir uns von Gott enttäuscht, wenn er die Not nicht wandelt und die Krise andauert. Für Mose bestanden Not und Krise konkret in der Ungewissheit darüber, wie Gott sich wohl verhalten wird, wenn Menschen nicht nach seinem Willen handeln. Während er selbst auf dem Berg Sinai die Tafeln mit den zehn Geboten empfangen hatte, hatte sich das Volk Israel in der Wüste ein Idol gebaut, einen Götzen. Ein goldenes Kalb, das sie angebetet und um das sie getanzt hatten. Während Gott seinen Willen kundtut, wird dieser also schon gebrochen. Wie wird Gott sich da verhalten? Hört unser Predigtwort aus dem zweiten Buch Mose, Kap. 33:

Mose sprach zum Herrn: Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!

Und Gott sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 

Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 

Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorüber gegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen. Aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Auf seine Bitte hin, die Herrlichkeit Gottes sehen zu dürfen, erhält Mose drei Antworten von Gott. Diese wirken beim ersten Hören abweisend. So, als würde Gott dem Mose seine Bitte abschlagen. So, als würde es Mose wie uns gehen, wenn wir uns enttäuscht von Gott abwenden, weil wir uns in Krise und Not allein gelassen fühlen. Am deutlichsten klingt diese Abweisung in Gottes zweiter Antwort an: Mein Angesicht kannst du nicht sehen. Denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Das klingt sogar bedrohlich. So, als würde es unseren Tod bedeuten, wenn wir Gott direkt sehen würden. Dann wäre es so, als würden wir in die Sonne gucken. Wenn wir das tun, müssen wir doch vor Schmerz die Augen zukneifen, weil uns die ungeheure Kraft des Lichtes blendet. Und danach sehen wir erstmal gar nichts. So wäre es wohl auch, wenn wir Gott direkt ins Gesicht sehen könnten. Denn dann müssten wir unser Gesicht abwenden, dann würden wir unser Gesicht sogar verlieren, dann müssten wir vor Schuld und Scham im Boden versinken. Das Volk Israel hat in dem Moment um das goldene Kalb getanzt, in dem Gott dem Volk durch Mose seine Gebote kundgetan hat. Der Abfall von Gott und der Verstoß gegen seinen Willen durchziehen die Menschheitsgeschichte und ebenso unser persönliches Leben. Denn wer wollte behaupten, er oder sie sei ohne Schuld?

Mein Angesicht kannst du nicht sehen. Denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. Das Sonnenlicht können wir nur mit einer Sonnenbrille ertragen, mit einem Lichtschutzfilter also. Und Gottes Antwort, die beim ersten Hören so abweisend klingt, könnte darum unsere Rettung sein. Ein Filter, durch den unsere Schuld in einem anderen Licht erscheint. Sie bleibt Schuld, weil ein anderer durch mein Versagen leiden muss. Das gilt sowohl für Verletzungen und Konflikte in persönlichen Beziehungen als auch in Krieg und Gewalt. Schuld bleibt Schuld, und darum können wir vor Gottes Angesicht ohne einen schützenden Filter nicht bestehen. Doch diesen Schutzfilter gibt es, dieser Filter ist Gottes Gnade und Erbarmen. Die dritte Antwort Gottes auf Moses Bitte hin lautet: Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorüber gegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen. Aber mein Angesicht kann man nicht sehen. – Bei Gott und in Gott gibt es einen Schutzraum. Es ist ein Fels, auf dem du, Mensch, sicher stehen darfst. Du wirst in deiner Schuld nicht ins Bodenlose versinken, sondern du wirst bei mir immer festen Halt und Grund unter den Füßen haben. Und wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, wirst du in einer Felskluft geborgen sein, und ich werde meine schützende Hand über dir halten und dich bewahren. – Was für ein wunderbares Bild! Haben wir das nicht alle im Leben erfahren? Die Bewahrung in großer Not, auch in ganz alltäglichen Situationen, z.B. beim Autofahren: Wie oft schon hätte eine Unachtsamkeit meinerseits einen Unfall verursachen können! Wie oft schon hätte ich einem anderen Menschen schaden und mich selbst in große Schuld stürzen können! Aber es ist gut gegangen, und im Nachhinein habe ich darin die Bewahrung durch Gott erfahren. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen. Aber mein Angesicht kann man nicht sehen. – Ja, als ich Schutz und Rettung erkannte, war Gott schon wieder weg. Aber er ist da gewesen! Er hat in meiner Seele und in meinem Herzen Spuren hinterlassen. Spuren, die meinen Glauben formen und ihm immer wieder Nahrung geben: Der, den ich nicht sehen kann, der, der mich auch immer wieder ins Grübeln und Zweifeln bringt, der, vor dem ich mich mit meiner Schuld am liebsten verstecken möchte – dieser Gott ist da, dieser Gott hält seine Hand über mir, dieser Gott schenkt mir Gnade und Erbarmen.

In diesem Glauben und aus solchen Erfahrungen heraus schauen wir uns nun zuletzt Gottes erste Antwort an Mose an. Und Gott sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. – Gott erinnert Mose an seinen Namen, den er ihm in einer anderen Gottesbegegnung offenbart hat. Unser Gott hat keinen Namen wie Zeus bei den Griechen oder Baal im Umfeld Israels. Darum kann auch kein Bild von Gott gemacht werden, denn Gott ist größer als alle menschliche Vorstellung. Dennoch offenbart sich Gott mit einem Namen, und dies ist ein Name, in dem Gott seine Beziehung zu den Menschen zum Ausdruck bringt: Ich werde für dich da sein als der, der ich da sein werde. Mit diesem Namen bleibt Gott einerseits frei und unverfügbar. Er bleibt der, dessen Angesicht wird nicht ungefiltert sehen können. Er bleibt der Herr und Richter der Welt, vor dem wir uns einmal mit unserer Schuld werden verantworten müssen. Zugleich aber macht Gott uns mit seinem Namen ein großes Geschenk: Er verschenkt sich selbst an uns. Ich werde für dich da sein als der, der ich da sein werde. - Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

Gottes Namen lautet also Gnade und Barmherzigkeit, er lautet: Für-mich-da-sein. Er lautet Jesus. Denn Jesus bedeutet übersetzt Retter. Oder wie Martin Luther es in einer eigenen Wortschöpfung nennt: Heiland. Jesus ist der Filter, in dem sich unser Gott dann für alle Welt offenbart hat. Jesus ist der Retter, der all unser Leid mit uns trägt, der schützend seine Hand über uns hält, und in dem wir um Vergebung aller Schuld bitten dürfen. Jesus ist der Heiland, der uns Gnade und Barmherzigkeit, Versöhnung und Frieden schenkt.

Davon singen wir in unseren Liedern, in denen uns der Glaube an Jesus Christus so leicht über die Lippen kommt. In der Schönheit der Melodien und der poetischen Kraft der Texte bringen wir zum Klingen, was Gott dem Mose zuallererst sagt: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen. Ja, du, Mensch, sollst das Gute und Schöne sehen und erkennen, das ich für dich geschaffen und worin ich dich bewahrt habe. Du sollst dankbar zurückblicken, und du darfst dann loben und feiern. Zwar gibt es Not und Krise weiterhin, aber es gibt auch Gaben und Güter Gottes, die das Leben hell machen. Das konnte ich zu Epiphanias in dieser Kirche erleben. Am Epiphaniastag feiern ja unsere Glaubensgeschwister aus der orthodoxen Kirche ihr Weihnachtsfest. Darum hatte ich Geflüchtete aus der Ukraine in unsere Kirche eingeladen, und sie haben hier ihre Lieder gesungen und gebetet. Und einer sagte mir: Was ist das für eine schöne Kirche! Mitten in Leid und Entbehrung, trotz Putins Bomben und der Angst, die er um Angehörige und Freunde täglich aushalten muss, hat er die Schönheit gesehen und die Güte Gottes erkannt. Und als die Menschen ihre ukrainischen Weihnachtslieder sangen, haben ihre Augen so sehr vor Freude geleuchtet, dass mir die Tränen gekommen sind. Ja, gegen den Augenschein haben sie in unserer schönen Kirche und beim Singen der vertrauten Lieder den Glanz Gottes gesehen. Hier haben sie auf einem Felsen, auf einem festen Grund gestanden, und in einer Kluft Schutz und Geborgenheit erfahren. Hier sind alle Zweifel und Ängste für einen Moment von ihnen abgefallen, hier haben sie dankbar das Leben gefeiert. Gnade und Erbarmen Gottes haben sich als bleibende Spuren in ihre Seele eingegraben. Ihr Glaube hat mitten im Leid Nahrung bekommen. So geht es auch uns, wenn wir in unserer schönen Kirche die Nähe Gottes spüren und ihm dankbar das Lob des Glaubens singen, das uns in Liedern so leicht von den Lippen kommt. Amen.


Predigt über Lk 2,1-20 an Heiligabend 2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde,

endlich wieder richtig Weihnachten! Nach zwei Jahren im Lockdown, mit Corona und Kontaktbeschränkungen freuen wir uns darüber, dass wir uns wieder auf Weihnachtsmärkten drängeln und uns mit Glühwein in Weihnachtsstimmung bringen durften. Dennoch ist diese Stimmung getrübt, sei es, weil in manchen Familien um einen geliebten Menschen getrauert wird. Oder sei es, weil alles teurer geworden ist, sowohl Lebensmittel als auch Energie. Manch einer kann da mit Geschenken nicht so großzügig sein wie in den Vorjahren, und auch der Braten fällt kleiner aus. Dazu schwebt über den wirtschaftlichen Sorgen wie ein riesiges Damoklesschwert deren Ursache: Russlands brutaler Angriffskrieg gegen die Ukraine, der heute auf den Tag genau seit zehn Monaten tobt.

Wie hören wir da die Botschaft der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens! – Denn es ist ja kein Frieden! Und während wir heute mit unseren Familien doch in warmen Stuben feiern, hungern und frieren die Menschen in der Ukraine. Eigentlich war das in den vergangenen Jahren nicht anders, nur sind uns die Kriege in Syrien und Afghanistan, im Jemen und in Mali nicht so nahe gegangen, weil sie geographisch weiter entfernt liegen. Nun aber wird in Europa Krieg geführt, und es erschüttert uns zutiefst, dass auch dieses Weihnachtsfest von Hass und Gewalt überschattet ist. Friede auf Erden - danach sehnen wir uns noch immer. Und mit uns sehnen sich diejenigen nach Frieden und Geborgenheit, die ihr Zuhause verloren haben – durch Bomben, aber auch durch Überschwemmungen in Bangladesh oder durch Dürren in großen Teilen Afrikas. Nach Frieden und nach einem sicheren Ort sehnen sich die vielen Flüchtlinge weltweit, und nach Frieden und Heilung sehnen sich alle, denen durch Folter und Vergewaltigung ihre Würde grausam geraubt worden ist.

Dagegen verkünden uns die Engel vom Himmel herab eine neue Zeit, in der all das aufhört, was Menschen belastet und worunter sie leiden. Eine Zeit, in der wahrhaftig Frieden herrscht: Denn euch ist heute der Heiland geboren! Die Botschaft der Engel trifft den Nerv unserer Sehnsucht und den wunden Punkt eines jeden Weihnachtsfestes. Denn auch zu Weihnachten bleiben Hoffnungen ja unerfüllt und Fragen unbeantwortet. Auch zu Weihnachten wird uns zugemutet, weiter in den ungelösten Nöten unserer Welt zu leben. Dennoch trägt Weihnachten seit 2000 Jahren in sich die Kraft, alle Nöte und Krisen zu überdauern und sich sogar gegen Krieg und Gewalt mit der Botschaft der Liebe zu behaupten. Keine Grausamkeit im Laufe der Zeiten hat Weihnachten ausrotten können. Sondern Weihnachten hat sich mit der schlichten Geschichte, die wir eben hörten, immer durchgesetzt. Mag die Finsternis auch noch so finster sein, das Licht aus der Krippe leuchtet in unsere Angst und unseren Schmerz hinein. Dieses Friedenslicht gibt der Welt einen neuen Schein – so unscheinbar es in seiner Armseligkeit auch wirken mag und so wenig es gegen Leid und Gewalt ausrichten kann. Denn dieses Licht schenkt uns den Schein der Hoffnung gegen jeden Augenschein. Den Glanz der Liebe Gottes, die größer ist als menschliche Unvernunft. Die Kraft der Gnade und Vergebung Gottes, die alle Schuld überwindet und uns zur Versöhnung untereinander befreit.

Vom Himmel herab verkünden uns die Engel mit Weihnachten eine neue Zeit, die aber aus der Zeit herausgefallen ist und alle Zeiten überdauert. Weihnachten ist unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft mit Gott. Weihnachten ist Gottes ewiger Zuspruch der Liebe und Gnade, der uns tröstet und stärkt. Und zugleich ist Weihnachten Gottes Anspruch an uns, dass wir uns wie die Hirten von Bethlehem auf den Weg zum Stall machen, um uns heute neu mit Gottes Frieden beschenken zu lassen.

In der unerlösten Welt liegt der Frieden, auf den wir hoffen, immer noch vor uns. Der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit bleibt unsere Aufgabe in der Nachfolge Jesu. Das wäre ohne Weihnachten gar nicht zu ertragen. Zu Weihnachten schenkt Gott uns einen Keimling des Friedens, der mit Gottes Hilfe in uns wächst und reift. Zu Weihnachten kommt wahrer Friede zu uns und wird in unsere Herzen hineingegossen: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Mit den Hirten lassen wir uns diesen Glauben schenken, den Glauben an Jesus Christus, unseren Retter und Erlöser, der uns weihnachtlich verändert und ermutigt. Im Krippenkind leuchtet Gottes himmlisches Licht in die Finsternis der Welt hinein. Weihnachten schenkt uns auch heute Nacht die unumstößliche Hoffnung und den festen Glauben, dass Gottes Licht den Sieg davontragen wird, obwohl die Finsternis so mächtig ist, obwohl Kriege toben, obwohl Menschen verhungern oder ihre Heimat wegen des Klimawandels verlieren. Weihnachten ist stärker als alles, was uns zu schaffen macht und worunter wir leiden.

Darum sagt der Engel Gottes den Hirten und uns: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude! - Der Heiland kommt zu euch, um euch Licht und Heil, Gnade und Trost, Frieden und Versöhnung zu schenken. Das Kind in der Krippe erlöst euch aus Angst und Schuld, aus Müdigkeit und Gleichgültigkeit, aus Verbitterung und Verzweiflung. Es tröstet in allen Schmerzen, die euch zugefügt, und in allen Entbehrungen, die euch zugemutet werden. Es schenkt uns eine bleibende Freude, die uns hilft, in den vielen Ungerechtigkeiten des Lebens getrost und froh zu bleiben. Denn Gott wird Mensch, dir, Mensch, zugute! In der Geburt des Krippenkindes kommt er in unsere Herzen und Sinne und führt uns zu Verantwortung und Solidarität. Jesus Christus ermutigt uns in unserem Glauben, dass alle Grausamkeit ein Ende finden wird. Denn er selbst, der Sohn Gottes, geht mit uns und lebt in uns. Im Licht Gottes machen wir uns daran, selbst zur Liebe, zur Gerechtigkeit und zum Frieden beizutragen.

Amen.


 

Predigt über Lk 23,33-49 am Karfreitag, den 15.4.2022 - Pastorin Antje Stümke

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Fürwahr, dieser ist gerecht gewesen!“ – Das sagt ein römischer Hauptmann, nachdem Jesus am Kreuz qualvoll gestorben ist. Und damit erkennt er: Der, der hier soeben gestorben ist, hat den Tod nicht verdient. Und das grauenvolle und demütigende Leiden, dem Jesus in der Folter und am Kreuz ausgesetzt gewesen ist, ist nicht zu rechtfertigen. Diese Kreuzigung, die Todesstrafe der Römer für Rebellen und politische Gefangene, ist vielmehr zu verurteilen. „Denn fürwahr, dieser ist gerecht gewesen!“ - Aber warum nimmt einer, der völlig unschuldig ist, eine Schuld auf sich, die damals auf solch entsetzliche Weise bestraft worden ist? Warum leidet ein Mensch freiwillig so unerträgliche Qualen? Warum stirbt Jesus, der Gerechte, der Sohn Gottes? - Es ist der Evangelist Lukas, der in seinem Bericht der Kreuzigung Jesu den Akzent auf diese Fragen setzt. Seine Erzählung ist an diesem Karfreitag unser Predigtwort. Auch bei Lukas wird uns ebenso wie beim Evangelisten Johannes, dessen Bericht wir eben hörten, von einem Gespräch erzählt, das Jesus am Kreuz führt. Doch waren es bei Johannes die Mutter und der Jünger Jesu, so sind es bei Lukas zwei Verbrecher, die zusammen mit Jesus gekreuzigt werden.

Als sie an die Stätte kamen, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst und zwei Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ – Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand und sah zu. Auch die Obersten spotteten und sprachen: „er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, wenn er der Christus ist, der Auserwählte Gottes.“ Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm und brachten ihm Essig und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“ Und über ihm stand die Überschrift: Der Juden König. - Aber einer der Übeltäter, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: „Fürchtest du dich denn nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir sind mit Recht darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind. Dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ Und er sprach: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“- Es war schon um die sechste Stunde, da wurde eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und als er das gesagt hatte, verschied er. - Da aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: „Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!“ Und alles Volk, das dabei war und zusah, da sie sahen, was da geschah, schlugen sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne und die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Wenn du wirklich der Sohn Gottes bist, dann hilf dir selber! Nachdem Jesus schon im Verhör qualvolle Schmerzen und höhnischen Spott ertragen hat, machen sich auch im Tod noch alle über ihn lustig. Trotzdem denkt Jesus, der sich immer den Menschen zugewandt hat, der die Kranken geheilt, die Verlorenen gesucht und die Sünder gerufen hat, auch in Qual und Einsamkeit nicht an sich, sondern an uns: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! - Bei diesem Gebet Jesu am Kreuz lässt uns der Evangelist Lukas im Unklaren darüber, an wen Jesus denkt. Ist es die johlende und spottende Menschenmenge zu seinen Füßen? Sind es die beiden Verbrecher an seiner Seite? Oder meint er sie alle – und uns dazu? Denn Jesu Gebet betrifft uns heute wie damals: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Wussten sie es wirklich nicht? Wissen auch diejenigen, die heute foltern, vergewaltigen und töten, nicht, was sie tun? Kann man tatsächlich nicht wissen, dass man gerade einen Menschen umbringt? Kann man es tatsächlich nicht merken, dass man einen Menschen quält, dass man ihn kränkt und verletzt, demütigt und erniedrigt? Kann unser Hass uns so sehr verblenden, dass jeder Anstand in uns völlig ausgeschaltet ist? – Fassungslos und ohnmächtig blicken wir auf das Böse, das sich in unserer Welt immer wieder ereignet, in der Ukraine und anderswo. Auf das Böse, das wir nicht wollen, das wir uns nicht erklären können, und das doch immer wieder von uns Besitz ergreift. Vielleicht wissen wir Menschen also wirklich nicht, was wir tun und wozu wir imstande sein können, wenn wir unsere Vernunft ausschalten, wenn wir unseren Trieben folgen oder wenn wir unsere Macht missbrauchen.

Aber ist das eine Entschuldigung? Kann es uns entschuldigen, wenn wir geltend machen: Wir konnten doch gar nichts dafür! Wir wussten doch gar nichts davon! Und wenn wir es wussten, dann gab es keine andere Möglichkeit als mitzumachen, anderenfalls wäre es uns selbst an den Kragen gegangen! Kann es uns entschuldigen, dass wir nicht wissen, was wir tun, wenn wir heute wegschauen und verdrängen, weil wir das Leid anderer nicht aushalten können? Wir wissen, dass es eigentlich keine Entschuldigung für unser Verhalten gibt, weder für das aktive Mitmachen noch für das passive Weggucken. Weder für die, die damals unter dem Kreuz ungerührt um Jesu Kleider würfelten und ihn verhöhnten, noch für die, die von ferne zuschauten wie die Frauen, die ihm seit Galiläa als Jüngerinnen nachgefolgt waren, noch für die übrigen Jünger, die aus Angst gar nicht erst dabei gewesen sind. Es ist nicht zu entschuldigen, wenn ein Mensch durch die Schuld anderer leidet, weder damals noch heute.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – Jesus betet dennoch so. Vergebung statt Entschuldigung. Ent-schuldigt werden kann Schuld nicht, denn die Tat der Schuld bleibt ja. Gefolterte sind für den Rest ihres Lebens körperlich und psychisch versehrt. Frauen, die im Krieg vergewaltigt werden, bleiben traumatisiert. Und wer in Butscha und Tschernihiw ermordet worden ist, kann nicht wieder zum Leben erweckt werden. Mit der schuldigen Tat bleibt auch die Schuld der Täter. Das müssen wir zunächst einmal aushalten. Denn anders kann den Opfern nicht Gerechtigkeit widerfahren. Die Schuld der Täter bleibt, was uns bei Bösewichtern wie Putin und anderen Diktatoren oder bei Terroristen auch einleuchtet. Da wünschen wir uns ja geradezu eine Bestrafung. Wie aber urteilen wir, wenn wir in viel kleinerem Ausmaß selbst Böses getan haben? Wenn wir einen Menschen so sehr verletzt haben, dass es zum Bruch der Beziehung kam! Wenn Stolz und die Angst, selbst das Gesicht zu verlieren, es unmöglich machen, die eigene Schuld einzugestehen!

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – So betet Jesus für alle, die schuldig geworden sind. Vergebung statt Entschuldigung. Die Vergebung Gottes ist ganz anders als unsere Versuche der Selbstrechtfertigung. Denn Gott behält den Überblick. Wenn Gott Schuld vergibt, hat er beides im Blick: Die Schuld der Täter und das Leiden der Opfer. Vergebung gibt es nicht billig und automatisch und auch nicht ohne Reue. Vergebung geschieht im Gespräch mit Gott über das, was ich getan habe. - So wie Jesus am Kreuz mit dem einen der beiden Rebellen redet. Mit dem, der plötzlich begriffen hat, was hier geschehen ist und der seinen spottenden Kumpan zurechtweist: Fürchtest du dich denn nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir beide sind mit Recht darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind, aber dieser hat nichts Unrechtes getan!  - Fürchtest du dich nicht vor Gott? Fürchtest du dich nicht davor, dass du heute Gott selbst in seinem Gericht gegenüber treten und dich für deine Taten verantworten musst? Zwar meinten wir, im Recht zu sein, wenn wir als Partisanen die römischen Eroberer aus dem Hinterhalt erschossen haben. Aber haben wir da nicht Gleiches mit Gleichem vergolten? Sind wir besser als die, die wir bekämpft haben? Oder haben wir nicht ebenso wie sie Schuld auf uns geladen?

Wer ist besser? Wem gebührt unser Mitgefühl? – Im Krieg Russlands gegen die Ukraine gehört unsere Solidarität eindeutig den Menschen in der Ukraine. Und das natürlich zu Recht, denn sie sind es, die fliehen müssen, die grausam ermordet und deren Städte und Krankenhäuser sinnlos zerbombt werden. Die ukrainische Armee verteidigt bisher nur das eigene Land. Noch ist keine Rakete gen Moskau geflogen. Auch das bestärkt unsere Sympathie, wir gönnen den Ukrainern die Rückgewinnung der Gebiete um Kiew und fürchten mit ihnen den Großangriff im Donbass. Aber weder das Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung noch die Freude über militärische Erfolge der ukrainischen Soldaten dürfen uns über eines hinwegtäuschen: Es sterben in diesem Krieg auch Russen. Junge Männer, die vielleicht nur 20 Jahre alt geworden sind. Und in Russland hat sich zwar der größere Teil der Bevölkerung von Putins Lügenpropaganda einlullen lassen, aber es gibt auch dort Menschen, die unser Mitgefühl und unser Gebet brauchen. Unzählige Menschen sind in Haft, weil sie gegen den Krieg demonstriert haben, und auch aus Russland sind Menschen geflüchtet, weil sie um ihr Leben fürchten. In einem Krieg gibt es immer auf beiden Seiten Leid und auf beiden Seiten Schuld, wenn auch hier die russische Waagschale das schwerere Schuldgewicht trägt und die ukrainische Waagschale das größere Leidgewicht. Aber auch das darf uns nicht dazu verführen, nun laut auszusprechen, was viele bislang nur gedacht haben: Ich habe ja immer gewusst, dass dem Russen nicht zu trauen ist! Wer so denkt, erklärt alle Bemühungen um Entspannung und Frieden nach dem kalten Krieg für gescheitert.

Zwar mag die Geschichte diesen Skeptikern derzeit Recht geben. Aber vom Kreuz Christi aus betrachtet behalten sie nicht Recht. Da sagt Jesus dem einen, der seine Schuld begreift und bereut: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. – Dieses Urteil Jesu gibt nicht den Kriegstreibern Recht und auch nicht denen, die aus realistischen Erwägungen heraus schon immer für militärische Aufrüstung waren. Denn das Paradies kann nur ein Ort des vollkommenen Friedens sein. Darum setzt sich die Kirche überall auf der Welt für den Frieden ein. Derzeit jedoch bringt Putins Angriffskrieg uns Christen in ein großes Dilemma. Eigentlich wollen wir ohne Waffen Frieden schaffen. Aber die Ukraine hat jedes Recht auf Verteidigung – und braucht dazu Waffen. In einem solchen Dilemma gibt es nicht mehr das eindeutig Gute und das eindeutig Böse, sondern wir werden so oder so in das Böse mit hineingezogen. Damit werden die beiden Verbrecher, die mit Jesus gekreuzigt werden, zu Typen, in deren Gespräch wir unser eigenes Dilemma wiederfinden. Als Partisanen wollten sie ja auch ihr Land und ihre Eigenständigkeit gegen eine Besatzungsmacht verteidigen. Der eine von ihnen bleibt in diesem Freund-Feind-Denken verhaftet, während der andere auch die eigene Schuld sieht und das Leid, das er anderen zugefügt hat.

Ihm sagt Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Heute, am Karfreitag, wird die Tür zum Paradies geöffnet und Vergebung der Schuld ermöglicht. Am Kreuz vollendet sich, was in der Krippe begonnen hat. Zu Weihnachten hat der Engel im Lukasevangelium verkündet: Euch ist heute der Heiland geboren! Und in der Passionsgeschichte sagt Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!  Wie es in der Geburtsstunde Jesu mitten in der Nacht strahlend hell wurde, weil der Sohn Gottes in die Welt gekommen ist, so wird es in Jesu Sterbestunde zur Mittagszeit stockfinster, weil der Sohn Gottes für uns stirbt. – In Krippe und Kreuz wird uns die Gnade Gottes geschenkt: Heilung aller Wunden und Vergebung aller Schuld. Wer leidet, kann durch das Kreuz Trost und Hilfe empfangen. Den Trost, dass Gott uns im Leiden nicht allein lässt, sondern dass er mit uns trägt, was er uns an Schmerzen zumutet. Und die Hilfe, mit der wir aushalten können, was andere uns an Kränkungen, Verletzungen und Gewalt zufügen. - Ebenso kann in der Finsternis des Kreuzes die Erkenntnis unserer Sünde wachsen. Wie der eine der beiden Partisanen im Blick auf Jesus sein eigenes Unrecht begriffen hat, können auch wir am Kreuz erkennen, warum Jesus so stirbt und warum Gott, der Vater, ihn so sterben lässt.

Denn Jesus nahm nicht nur das Leid der Welt auf sich, sondern ebenso die Schuld der Menschen. Am Kreuz Christi können wir unser eigenes Bild erkennen: Auch unser derzeitiges Dilemma, das uns zwingt, Entscheidungen zu treffen, die wir als Christen eigentlich ablehnen, die angesichts des Krieges aber nötig sind. Vom Kreuz Christi her aber treffen wir diese Entscheidungen nicht selbstherrlich, sondern in Demut und im Bewusstsein, dass wir gerade so oder so schuldig werden, ob wir uns raushalten oder einmischen. In dieser Erkenntnis beten wir wie der reuige Partisan: Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!

Und Jesus antwortet uns: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein! Heute, am Karfreitag und durch mein Kreuz hindurch. Heilung aller Wunden und Vergebung unserer Schuld werden uns im Leiden und Sterben Jesu geschenkt. Im Gericht Gottes, im Gespräch zwischen Gott und mir über alles, was war, in der Erkenntnis unserer Sünde und im Einverständnis über das, was gut und richtig gewesen wäre, wird Vergebung zugesprochen. Und Frieden und Gerechtigkeit werden möglich für Täter und Opfer.

Amen.



Predigt über Mk 8,31-38 an Estomihi, 27.2.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

gib uns Frieden jeden Tag, gib uns Freiheit, gib uns Freude! So haben wir gerade gesungen und gebetet. Und auch: Lass für Frieden uns und Freiheit immer tätig sein! – Aber haben wir uns wirklich dafür eingesetzt? Oder haben wir nur die Früchte genossen, die aus Frieden und Freiheit wachsen: Bildung, Wohlstand und Komfort. In Frieden und Freiheit zu leben ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden. So sehr, dass wir zwar mit Betroffenheit in die Regionen der Welt geblickt haben, in denen Bürgerkriege toben, dass wir die Nachrichten darüber aber immer schnell wieder vergessen haben. Syrien – ja, da gibt es Krieg, aber der währt nun schon so lange, dass wir uns daran gewöhnt haben. Schließlich ist die Lage im Nahen Osten ohnehin instabil, und wirklich gekümmert hat uns das nie, bis 2015 plötzlich Abertausende von Flüchtlingen an unseren Grenzen standen. Mali - ach ja, da ist die Bundeswehr auch im Einsatz, aber glücklicherweise liegen das Mittelmeer und die Sahara zwischen Europa und den Konfliktgebieten Afrikas. Myanmar - richtig, da hat vor einem Jahr das Militär geputscht, aber wo liegt das eigentlich genau? Der Jemen – wie, da wird auch Krieg geführt?

Lass für Frieden uns und Freiheit immer tätig sein! Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass wir genau das nicht getan haben. Sondern wir haben uns in der Komfortzone von Frieden, Freiheit und Wohlstand eingerichtet. Und was hätten wir – so wenden wir zu unserer Rechtfertigung ein – denn tun können für die Menschen in Syrien und Palästina, im Sudan und im Jemen, in Mali und Myanmar? Was können wir nun für die Menschen in der Ukraine tun? – Wie bei allen anderen Kriegen würden wir auch hier am liebsten den Fernseher ausschalten und die Augen vor dem Leid der Menschen verschließen. Nicht aus Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit – so unmenschlich sind wir dann doch nicht. Sondern aus Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit. Die Älteren unter uns, die den zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, wissen genau, wie es sich anfühlt, verängstigt in einem Keller zu sitzen, während Raketen in Häuser hineinschießen. Oder wie es ist, wenn man bei Nacht und Nebel plötzlich die Heimat verlassen muss, nur dass es damals Trecks mit Pferd und Wagen waren und heute kilometerlange Autostaus.

Wer damals Krieg und Flucht erlebt hat, mag durch die Bilder aus Kiew nicht daran erinnert werden, denn die Erinnerungen tun noch immer weh. Und wir Jüngeren wollen nicht wahrhaben, dass wirklich passiert ist, wovon wir meinten, dass wir es Gott sei Dank niemals würden erleben müssen: Ein Krieg in Europa! Nicht nur ein regionaler Konflikt in Nordirland oder im Baskenland. Sondern ein echter Krieg mit einem technisch hoch gerüsteten und über die Maßen gefährlichen Aggressor, der einfach in ein souveränes Land einmarschiert. Ein Krieg in unserer Nähe! Ein Krieg, der uns ganz anders betrifft, als es die Bundeswehreinsätze im Kosovo und in Afghanistan taten. Denn dieser Krieg bedroht nicht nur deutsche Soldaten, sondern er verängstigt uns alle. Ist Putin zu stoppen? Wird er sich nach der Ukraine auch die baltischen Republiken einverleiben? Wird er seine Drohung wahrmachen und sogar einen Atomkrieg wagen? Wird das Undenkbare, das Ungeheuerliche wirklich passieren?

 

Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf.

Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf.

Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt.

Wir rufen, Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr.

Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr.

Die Horizonte grollen, der Glaube spinnt sich ein.

Hilf, wenn wir weichen wollen, und lass uns nicht allein.

Dieses Lied beschreibt sehr gut die aktuelle Situation mit dem Grollen der Geschosse und Putin als mächtigem Lügner, der sich über jedes Recht hinwegsetzt. Ebenso benennt der Dichter unsere Angst und Hilflosigkeit. Der Glaube spinnt sich ein! – Was bedeutet das? Es bedeutet, dass wir nur uns selbst sehen: Unsere Angst vor Putin. Und unsere Angst vor den Folgen, die die Sanktionen für unser Portemonnaie haben werden: Steigende Gaspreise, um nur eines zu nennen. Werde ich mir da den geplanten Urlaub noch leisten können?

Wer so denkt, denkt wie Petrus in unserem Evangelium. Petrus, zu dem Jesus die unfassbar grausamen Worte spricht: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Petrus wollte es einfach und bequem haben, und dazu gehörte, dass er es nicht aushalten konnte, als Jesus frei und offen davon redete, welches Leid er erdulden und welchen Tod er bald sterben würde. Wie wir wollte Petrus sich die Ohren zuhalten und die Augen vor der Realität menschlicher Grausamkeit schließen. Wie wir wollte er davon nichts wissen. Dass Jesus ihn darum als Satan bezeichnet, erscheint uns aber völlig überzogen. Der Satan im Ukraine-Krieg ist ja wohl Putin! – Dass Putin mit seiner Aggression, seinem Machtmissbrauch, seinen Lügen und seiner ideologischen Geschichtsfälschung dämonische Züge trägt und Böses tut, ist unbestritten. Aber darauf allein dürfen wir uns nicht ausruhen. Weder die Regierungen der westlichen Welt, weder EU noch Nato. Aber auch nicht wir als einzelne, und schon gar nicht wir als christliche Gemeinde in der Nachfolge Jesu.

Denn um Nachfolge geht es in unserem Evangelium und in Jesu drastischen Worten. Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 

Nachfolge, das macht Jesus hier unmissverständlich klar, ist nicht nur „ein bisschen Frieden“ oder „ein bisschen Liebe“. Nachfolge ist weder gemütlich noch bequem. Sondern Nachfolge kann Mut und Entschlossenheit fordern und sogar das Leben kosten. So war das bei vielen Märtyrern früherer Jahrhunderte oder bei überzeugten Christen wie Dietrich Bonhoeffer. Und heute sehe ich diesen Mut bei Menschen, von denen ich gar nicht weiß, ob sie Christen sind, nämlich bei den Tausenden, die in Moskau und anderen russischen Städten gegen den Krieg demonstriert haben und die nun in Gefängnissen sitzen. Vielleicht verlieren sie ihr Leben – ob um Christi und des Evangeliums willen, wissen wir nicht. Aber sie nehmen keinen Schaden an ihrer Seele, weil sie sich nicht von Putins Lügen haben einlullen lassen, weil sie nicht blind und taub geworden sind für das Leid anderer, weil sie sich vielmehr für ihre Überzeugung, nämlich für Recht und Gerechtigkeit, für Frieden und Freiheit engagiert haben.

Zu einer so entschlossenen und mutigen Nachfolge sind sicher die wenigsten unter uns fähig. Davor haben wir vermutlich alle – auch ich – viel zu große Angst. Ich bin darum meinem Gott zutiefst dankbar, dass ich diese Predigt halten kann ohne befürchten zu müssen, deshalb morgen von der Polizei verhört zu werden. Für uns, die wir feiger sind als andere, sollte Nachfolge daher zumindest Demut und Dankbarkeit bedeuten. Zur Demut gehört das ehrliche Schuldeingeständnis, dass wir Angst haben und dass unsere Angst uns blind werden lässt, so dass wir das Leid anderer aus unserem Leben und aus unseren Gedanken ausblenden. Zur Demut gehört die Betroffenheit darüber, dass wir als Christen in der Nachfolge Jesu sogar im Gebet nachlässig geworden sind. Unsere Angst ist nachvollziehbar und verständlich, aber kein Gebet wird uns das Leben kosten oder uns unserer Freiheit berauben. Wenn wir das Gebet vergessen, zeigen wir vielmehr, dass wir die Menschen und ihr Leid vergessen. Oder dass wir es nicht aushalten, überhaupt an sie zu denken.

In dieser Vergesslichkeit und mangelnden Demut vergessen wir ebenso die Dankbarkeit. Ältere Menschen, die den Krieg erlebt haben, erzählen mir, dass sie Gott jeden Abend danken, weil sie wieder einen Tag in Frieden und Freiheit erleben durften. Tun wir Jüngeren das auch? Oder hat uns die erlebte Selbstverständlichkeit dieser hohen Güter gedankenlos gemacht? Gedankenlos und darum zugleich undankbar. Denn Dank ist nichts anderes als das Denken an Gott und an das Gute, das wir unverdient erleben. - Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 

Ja, was hilft es uns, wenn wir auch in diesem Sommer ungerührt nach Mallorca fliegen? Sicher wird es da schön sein, Mallorca liegt ja nicht am Schwarzen Meer. Und natürlich müssen wir jetzt nicht auf jede Freude verzichten, auch im Krieg dürfen wir Geburtstage feiern und Freunde treffen, wenn die pandemische Lage das in den Sommermonaten wieder gefahrlos zulässt. Das verbietet auch Jesus nicht, der selbst gern mit seinen Jüngerinnen und Jüngern gegessen und getrunken hat. Aber in unserem Predigtwort weist er uns darauf hin, dass wir einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden: Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. – Was wird es uns helfen, wenn wir hier auf der Erde zwar gut und fröhlich gelebt haben, wenn unsere Seele aber Schaden genommen hat, weil wir schuldig geworden sind am Leid anderer?

Schuldig nicht durch böse Taten! Für solche haben sich Putin, Assad und andere zu verantworten. Wohl aber schuldig durch fehlende Demut und Dankbarkeit. Schuldig durch unsere Angst und Hilflosigkeit, die uns gedankenlos werden lässt. Nachfolge muss für uns darum mindestens zweierlei bedeuten: Das Gebet und die Bereitschaft zum Verzicht. Die Sanktionen werden Folgen für uns haben. Aber das darf uns nicht kopflos machen. Auch wenn ich mir diese Kreuzfahrt oder jenes Auto in den kommenden Jahren nicht leisten kann, wird es mir doch immer noch viel besser gehen als den Menschen in Kiew und im Donbass. Besser als den Millionen Flüchtlingen weltweit. Besser als allen, die in einer Diktatur leben oder die in Gefängnissen gefoltert werden. Das muss uns auch großzügig machen gegenüber all den Menschen, die jetzt aus der Ukraine flüchten. Irgendwo in Europa müssen sie freundliche Aufnahme und eine Wohnung finden, ob übergangsweise oder dauerhaft, wissen wir noch nicht. Auch das wird Geld kosten.

Wir werden darum sicher auf manches verzichten müssen, woran wir uns gewöhnt haben. Dennoch werden wir weiterhin eines der Länder mit der höchsten Lebensqualität überhaupt sein. Das allein sollte uns demütig und dankbar machen. Und dazu ist es wichtig, dass wir als Christen nicht aufhören zu beten. Denn im Gebet zeigen wir den Menschen in der Ukraine, dass ihr Leid uns nahegeht und dass wir an sie denken. Im Gebet offenbaren wir unsere Angst und bringen wir unsere Hilflosigkeit vor Gott. Im Gebet drängen wir Gott, dass er helfen und böse Menschen zu Einsicht und Umkehr bewegen möchte. Im Gebet bitten wir auch für diejenigen, die mutiger sind als wir selbst, dass Gott ihnen Kraft schenken und sie bewahren möge.

Im Gebet bitten wir um die Hilfe Gottes zum Frieden – so wie wir es gleich singen werden:

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Du selbst bist, was uns fehlt.

Du hast für uns gelitten, hast unsern Streit erwählt,

damit wir leben könnten, in Ängsten und doch frei,

und jedem Freude gönnten, wie feind er uns auch sei.

 

Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt

hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt!

Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt,

und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

 

Amen.

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