Predigt über Joh 16, 5-15 an Exaudi, 29.5.2022 - Pastorin Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde,

ernste Töne sind es, die Jesus im Evangelium angeschlagen hat. Und ernste Töne hören wir auch, wann immer wir die Nachrichten anschalten. Die Lage ist ernst, und wir sind von Krisen umzingelt. Dabei hätten wir es so gern anders. Wir möchten uns freuen und am nächsten Sonntag ein fröhliches Pfingstfest feiern. Doch auch als es erstmals Pfingsten wurde, stand nicht Freude, sondern Traurigkeit im Vordergrund. Nach Jesu Auferweckung und Himmelfahrt mussten die Jünger begreifen, dass sie von nun an von Jesus getrennt weiter leben würden. Und Trennungen fallen uns schwer. Das wissen alle, die einen geliebten Menschen an den Tod verloren haben oder deren Ehe zerrüttet ist. Wie Jesu Jünger fragen wir: Wo bleiben wir? Wer tröstet uns? Was wird aus uns in Trauer und Einsamkeit? Was wird aus uns in dieser krisengeschüttelten Welt? - Jesus antwortet darauf im Johannesevangelium mit einer langen Abschiedsrede, und unser heutiges Evangelium ist ein Teil darin.

 Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden. – In seiner Abschiedsrede will Jesus uns trösten und ermutigen. Er verspricht uns seinen heiligen Geist. Einen Beistand, der Trauer, Schmerz und Verzweiflung zu überwinden hilft. Eine Quelle, aus der Mut und Kraft fließen, um in einer Krise durchzuhalten. Ein Geschenk Gottes, das uns geduldig auszuharren lehrt. Ein Geist, der uns die Kraft der Liebe verleiht, damit wir denen helfen und für die beten, denen es noch weit schlechter geht als uns. Gottes Geist will dazu helfen, dass wir gut miteinander leben können. Befreit von Angst und Schmerzen, befreit von Trauer und Verbitterung, befreit von Scham und Schuld. Befreit zu Nächstenliebe und Solidarität. Jesu Abschiedsworte sind Trostworte und Worte der Ermutigung, mit denen er uns Christen die Welt anvertraut: Der Geist der Wahrheit wird euch in aller Wahrheit leiten!

Das aber ist nicht immer leicht. Darum sagt Jesus über Gottes Geist ganz schonungslos, dass der Geist der Welt die Augen auftun wird über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht. Über die Sünde, dass sie nicht an mich glauben. Über die Gerechtigkeit, dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht. Über das Gericht, dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.  - Das klingt wirklich ernst und wirkt erstmal weder tröstlich noch erbaulich. Wer ist denn die Welt, deren Augen durch die Sünde aufgetan werden und deren Fürst gerichtet ist? – Da fallen uns seit drei Monaten sofort Putin und die russische Armee ein. Aber sie sind nicht die einzigen, sondern überall auf der Welt gibt es Leid und Ungerechtigkeit, überall gibt es Grausamkeiten, die Menschen einander antun – gegen die Gebote Gottes. Viel zu oft wollen Menschen die Wahrheit Gottes nicht sehen. Kriege, Flüchtlingselend und Hunger sind Ausdruck und Folge menschlicher Sünde. Ebenso erschüttern uns die Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen, die im menschengemachten Klimawandel ihre Ursache haben. Wir sind von Krisen umzingelt, die alle nichts zu tun haben mit Gottes Geist, dem Geist der Wahrheit, der Liebe und des Lebens. Denn, wo immer Menschen einander Leid zufügen oder Gottes Schöpfung zerstören, offenbart sich die Sünde, dass sie nicht an Jesus Christus glauben.

Aber auch dort, wo wir im Großen und Ganzen anständig miteinander umgehen, hat der Geist der Wahrheit es schwer, sich durchzusetzen. Denn auf den ersten Blick ist vieles reizvoller und verlockender als die Wahrheit Gottes. Zum Beispiel Spaß und Genuss. Nach den Einschränkungen durch die Pandemie würden wir am liebsten wieder loslegen, eine große Reise machen oder ein verschobenes Fest mit vielen Gästen nachholen. Und nun verderben uns steigende Sprit- und Lebensmittelpreise den Spaß. Da fällt es schwer einzusehen, dass alles teurer wird und wir den Gürtel noch enger schnallen müssen, weil die europäischen Staaten das Geld anders als geplant ausgeben und trotzdem an den notwendigen Plänen festhalten müssen. - Umgekehrt aber bieten Krisen die Chance, dass wir zusammen darüber nachdenken, was wir wirklich brauchen. Sowohl im vergangenen Jahr im Ahrtal als auch jetzt in der Ukraine erleben wir eine enorme Hilfsbereitschaft, die unsere Gesellschaft hoffentlich weiterhin prägen wird. Solidarität und Spendenbereitschaft sind ermutigende Beispiele dafür, dass sich Gottes Geist in uns gegen die Sünde der Welt durchsetzen kann.

Als Kirche Jesu Christi treten wir nämlich für das Leben ein, und wir wirken auf Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung hin. Das ist der Auftrag, der sich aus dem Evangelium Jesu Christi ergibt. Und das kann auch bedeuten, dass wir den Finger in die Wunde legen und Missstände beim Namen nennen. Wenn der Geist kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht. - Denn die Sünde stellt sich Gottes Geist immer wieder in den Weg. Hass und Gewalt, Gier und Habsucht sind deren erkennbare Wirkungen, und auch als Christen haben wir daran Anteil. Auch wir wollen haben, was alle haben, und dafür möglichst wenig bezahlen. Und wir wollen behalten, was wir haben, und unseren Überfluss nicht teilen. Auch wir Christen werden schuldig an Gott und aneinander. Wir sind Teil dieser Welt, deren Fürst im Gericht Gottes gerichtet wird.

Darum schickt Gott uns seinen Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit. Dieser deckt meine Schuld schonungslos auf und zeigt mir mein wahres Ich hinter der Fassade. Der Geist der Wahrheit ist aber zugleich der Geist der Liebe Gottes. In Gottes Gericht werde ich nicht hingerichtet, sondern aufgerichtet. Gottes Geist macht mich richtig, wo ich mich auf falschen Wegen verirrt habe. Das ist die frohe Botschaft, die Jesus uns als Gottes Willen verkündigt hat. Um dieses Evangelium zu bekräftigen, sendet er uns seinen Heiligen Geist. Denn Gottes Geist hilft uns, nach seinem Gebot der Nächstenliebe zu leben. Gottes Geist hilft uns in unserer Angst, dass wir selbst zu kurz kommen könnten, indem er uns die Freude über alles, was Gott uns schenkt, vor Augen führt. Und Gottes Geist der Vergebung hilft uns, dass wir einander, aber auch uns selbst so lieben können, wie Gott uns liebt. Und dass wir geleitet durch den Geist der Wahrheit in unserer Menschlichkeit wachsen und reifen.

Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn dadurch kommt der Tröster zu euch, den ich euch sende. - Das ist Jesu Beistand für ein gelingendes Leben, den er uns als seiner Kirche schenkt. Dieser Beistand ist Trost und bleibender Auftrag an uns Christen. Und es ist gut für uns, dass Jesus weggegangen ist. Als Kirche Jesu Christi sind wir zu mündigen und erwachsenen Söhnen und Töchtern Gottes gereift. Als solche erfüllen wir unseren Auftrag und nehmen die Geschicke dieser Welt in Verantwortung und Freiheit in die Hand. Gottes Geist, der Geist der Wahrheit, ist dazu Kraftquelle und Richtschnur. Amen.

Predigt über 1. Mose 1 an Jubilate, 8.5.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. A.

Liebe Gemeinde,

am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Eigentlich müssten wir jetzt aufstehen und einen Rundgang um das Atrium der Osterkirche machen. Denn dort finden wir auf sechs Glasbildern die biblische Schöpfungsgeschichte dargestellt: Auf dem ersten Bild das Licht, das Tag und Nacht unterscheidet. Auf dem zweiten Bild die Feste, die den Himmel aus den Wassern der Urgewalt entstehen lässt. Auf dem dritten Bild werden Wasser und Land getrennt und gezeigt, dass auf der Erde aus Samen Pflanzen wachsen. Auf dem vierten Bild werden die Lichter des Tages und der Nacht, also Sonne, Mond und Sterne dargestellt. Auf dem fünften Bild sehen wir Fische und Vögel, die Tiere des Wassers und der Luft. Und auf dem sechsten Bild Tiere des Landes und zwei Menschen. Diese sechs Glasbilder entsprechen den sechs Schöpfungstagen, von denen die Bibel erzählt. Ein siebtes Bild gibt es nicht. Denn Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die er geschaffen hatte. Als siebtes Bild hat der Künstler die Kirche gemeint, in der wir uns am siebten Tag zum Gottesdienst versammeln, an dem wir Gott für seine Güte loben. Jubilate! Jauchzet Gott, alle Lande! Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!

Im Gotteslob am Sonntag Jubilate danken wir Gott dafür, dass er Himmel und Erde geschaffen hat. In den Liedern, die wir heute singen, bringen wir Lob und Dank für die Schönheit der Schöpfung zum Ausdruck. Denn die biblische Schöpfungsgeschichte ist keine Evolutionstheorie. Hierin soll nicht erklärt werden, wie die Welt entstanden ist. Sondern hier wird darüber gestaunt, wie schön unsere Welt ist. Der glaubende Mensch findet darin die gütige Gestaltung Gottes. Darum gehört diese Geschichte nicht in den Biologieunterricht. Sondern mit den Mitteln der Kunst, wie sie sich z.B. auf unseren Glasbildern darstellt, kann Loben, Danken und Staunen zum Ausdruck gebracht werden. Oder mit den Mitteln von Musik und Dichtung wie in unseren Liedern oder in Haydns Oratorium „Die Schöpfung“.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Gott schuf! Im Hebräischen steht dort bara, ein Verb, das nur für Gottes Schaffen verwendet wird. Was der Mensch „schafft“, tut oder herstellt, wird mit anderen Wörtern ausgedrückt. Bara, darin drückt sich in der Bibel der Glaube aus, dass Gott die Welt so weise geordnet hat, wie es ein Mensch niemals vermocht hätte und wie es auch nicht von allein in einem Evolutionsprozess passiert wäre. Sondern alles, was geschaffen wurde, wird vom Schöpfer als sehr gut beurteilt. Biblischer Glaube erkennt in der Schöpfung, dass es nicht nur ein Zufall ist, dass es uns Menschen und unsere Mitwelt gibt. Sondern Gott hat alles so schön, so weise, so vollkommen gemacht, dass der Glaube darin die Liebe Gottes erkennt. Die Liebe des Schöpfers zu allem, was er geschaffen hat. Gott steht in Beziehung zu seiner Schöpfung. Darum ist die Schöpfungsgeschichte kein wissenschaftliches Lehrbuch über die Weltentstehung, sondern ein Hymnus, ein Loblied über die Liebe Gottes zu Mensch und Welt.

In dieser Jahreszeit fällt es uns leicht zu loben, zu danken und zu staunen. Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, dass sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht. Oder: Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben.

Doch singen wir diese fröhlichen Lieder in diesem Jahr mit gedämpfter Freude, und manchem bleibt das Lob ganz im Halse stecken. Zu sehr erschüttert uns der Krieg. Und zu sehr ängstigt uns die Zukunft: Was wird passieren, nachdem Russland morgen seine Siegesparaden abgehalten haben wird? Die Älteren unter uns fühlen sich schon seit Wochen an den zweiten Weltkrieg erinnert, weil wieder Städte durch Bomben zerstört werden. Weil wieder Menschen grausam gefoltert und ermordet werden. Weil Menschen wieder vertrieben oder verschleppt werden. In der Ukraine selbst erleben die alten Menschen dieses Unheil zum zweiten Mal, weil auch die deutsche Wehrmacht und die SS hier grausam gewütet haben. - Heute, am 8. Mai, jährt sich die Befreiung von Krieg und Faschismus in Deutschland und in Europa zum 77. Mal. Nie hätten wir gedacht, dass wir so etwas Furchtbares noch einmal würden erleben müssen. Können wir da Gott loben und sagen: Siehe, es war sehr gut?

Können wir Gott überhaupt loben, wenn es zwar am Anfang einmal gut gewesen sein mag, wir davon aber seit langem weit entfernt sind? Es gibt ja nicht nur den Krieg in der Ukraine, der uns erst seit zwei Monaten den Atem raubt. Sondern auch als wir in Frieden lebten, gab es immer irgendwo Krieg, und viele Kriege dauern an. Aber wer redet noch von Afghanistan, von Mali, vom Jemen oder von Syrien? Menschen flüchten nicht nur aus der Ukraine, sondern sie sind weltweit auf der Flucht. Die wenigsten wohnen bei uns in Deutschland, sondern die meisten leben in Lagern an den Grenzzäunen zur reichen Welt im Libanon, auf Moria, in Libyen oder in Mexiko. Und wir stöhnen schon darüber, dass die Preise für Benzin und Lebensmittel steigen, was für einige unter uns zweifellos hart werden wird. Aber in Afrika und Asien werden ganze Völker verhungern, weil die Getreidelieferungen aus der Ukraine ausbleiben werden. Können wir dann sagen: Siehe, es war sehr gut?

Können wir das tun, wenn wir unsere Umwelt nicht nur staunend, sondern auch kritisch betrachten? Wenn wir an Plastikmüll im Meer denken, an die Abholzung des Regenwaldes, an Öl und Chemikalien, die die Tiere vergiften, an Insektensterben und Gletscherschmelze. Also an den Klimawandel, der uns Dürren und Flutkatastrophen beschert. Was ist daran noch gut? Wo ist die weise Ordnung und Gestaltung geblieben? Wird die Erde wieder wüst und leer? Wird Gottes Schöpfung wieder zum Chaos? Zum Tohuwabohu, was das hebräische Wort für wüst und leer ist.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Der erste Satz unseres Predigtwortes ist der erste Satz der Bibel überhaupt. Und die Schöpfungsgeschichte steht am Anfang der Bibel, am Anfang der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Der Anfang ist immer eine offene Zeit. Niemand weiß am Anfang, wie eine Geschichte ausgehen wird. Hat Gott es auch nicht gewusst? Ist Gott ein Risiko eingegangen? – Das kann niemand beantworten. In der biblischen Schöpfungsgeschichte aber folgt auf das Tohuwabohu die Gewissheit des Glaubens, dass Gott von Anfang an dabei ist. Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Auch als noch gar nichts da war, war Gott schon da. Aus dem Nichts hat er die Erde geschaffen. Die Finsternis wird von Licht erhellt, weil Gottes guter Schöpferwille es so bewirkt. Gott war also schon vor dem Chaos da, und im Tohuwabohu schafft er Licht. In unserem Glauben finden wir darum Trost und Hoffnung sowie Mut und Kraft, dass wir mit Gottes Geist auch in den vielen Krisen und Katastrophen unserer Zeit bestehen können. Dass wir uns mit Gottes Hilfe dafür einsetzen, dass die Erde schön bleibt und dass Frieden und Gerechtigkeit blühen.

Gott hat in der Schöpfung mit der Welt und mit uns Menschen einen guten Anfang gemacht. Und es ist unsere Aufgabe, dass wir mit diesem guten Anfang auch Gutes anfangen. In der biblischen Schöpfungsgeschichte wird dieser Auftrag am sechsten Tag mit der Erschaffung des Menschen erteilt. Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Die Gottebenbildlichkeit wird nur dem Menschen verliehen, und damit wird dem Menschen eine besondere Verantwortung für die Schöpfung zuteil. Diese Verantwortung wird durchaus zweideutig beschrieben: Macht euch die Erde untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Das gibt uns Menschen eine Freiheit, die wir auch missbrauchen können, wie es leider oft geschieht. Aber mit dem Auftrag zur Herrschaft ist eben Verantwortung gemeint und nicht Willkür. Wir können Deiche bauen, um uns vor der Urgewalt der Nordsee zu schützen. Oder Häuser mit guten Heizungen, damit wir nicht frieren müssen. Der Schöpfungsauftrag Gottes lautet, dass wir die Erde bebauen und bewahren dürfen, dass wir sie aber nicht ausbeuten und zerstören sollen. Und dass wir einander lieben und achten, dass wir uns aber keinesfalls gegenseitig quälen und töten. Und dass wir Gott lieben und ehren, indem wir seine Gebote in Freiheit und Verantwortung erfüllen.

Dennoch bleibt unsere Freiheit das Risiko, das Gott tatsächlich eingegangen ist, als er uns die Würde der Gottebenbildlichkeit verliehen hat. Denn jede Freiheit birgt in sich die Verführung zu Macht und Willkür. Das gilt für jede Beziehung, die wir als Menschen eingehen, und das gilt eben auch für unsere Beziehung zu Gott. Auch das ist dem biblischen Glauben von Anfang an bewusst gewesen. Darum folgt auf die Schöpfungsgeschichte sofort die Geschichte vom Sündenfall. Die Sünde, also die Abkehr vom Schöpferwillen Gottes, ist das Risiko, dass Gott eingegangen ist, als er uns zu seinem Bilde erschaffen hat. Aber jede Liebe geht dieses Wagnis ein, das Wagnis nämlich, dass ich auch enttäuscht werden kann. Und die Gottebenbildlichkeit ist Ausdruck von Gottes Liebe. Auch in unseren Partnerschaften bedeutet Liebe doch, dass nicht einer über den anderen bestimmt, sondern dass wir einander die Freiheit zur Selbstentfaltung lassen. Gottes Liebe bedeutet, dass er uns nicht als Marionetten geschaffen hat, die er an Fäden immer auf den richtigen Wegen halten kann. Sondern wir sind in der Lage, frei zu entscheiden und zu handeln.

Doch so wie Gottes Geist von Anfang an dabei war, als er die Chaoswasser bändigte und das Licht erschaffen hat, so geht Gottes Geist mit uns in die Zukunft auch nach dem Sündenfall. Wir haben seine Verheißung und seinen Segen, dass er uns Schutz und Schirm ist in allem Bösen und dass er uns Rat und Hilfe schenkt zu allem Guten. In der Gottebenbildlichkeit bindet sich Gott in seiner Liebe an uns Menschen, und er verlässt uns nicht, selbst wenn wir uns auf Wegen der Sünde verirren. Das ist Gottes großes Versprechen. Und es bleibt unsere Aufgabe, dass wir diesem Versprechen entsprechen. In unserer Gottebenbildlichkeit liegt unsere Freiheit und unsere Verantwortung begründet, mit der wir uns einsetzen für Frieden und Versöhnung, für Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

Amen.

Predigt über Kol 2,12-15 an Quasimodogeniti, 24.4.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde,

dieser Sonntag hat einen Namen, der für alle diejenigen, die niemals Latein gelernt haben, wie Kauderwelsch klingt: Quasimodogeniti. Das heißt übersetzt: Wie die Neugeborenen. Deshalb ist dieser Sonntag früher ein beliebter Tauftag gewesen, an dem neu geborene Kinder getauft wurden. Wir haben heute keine Taufe, aber wir können uns alle ein Kind vorstellen. Ein Kind steht für Lebendigkeit und Fröhlichkeit, für Wachheit und Neugierde. Ein Kind hat Zukunft, es blickt nach vorn, es will in seinem Eifer alles lernen und alles können. Ein Kind ist erfüllt von Zuversicht und grenzenlosem Vertrauen. Quasimodogeniti. Wenn wir umgangssprachlich sagen: „Ich fühle mich wie neu geboren!“, meinen wir genau dies. Dann sind unsere Lebensgeister neu geweckt, dann fühlen wir uns erfrischt und beflügelt, dann sind wir voller Selbstvertrauen und Tatendrang. Quasimodogeniti – dieser erste Sonntag nach Ostern erinnert uns daran, dass wir – Jung und Alt – in der österlichen Auferweckung Jesu aus den Toten von Gott mit Leben beschenkt werden wie neu geborene Kinder.

Aber stimmt dieser Osterglaube mit unserem derzeitigen Lebensgefühl überein? Nach zwei Jahren Pandemie fühlen wir uns keineswegs erfrischt und beflügelt, sondern zermürbt und ausgelaugt. Dazu entsetzt und erschüttert uns der Krieg in der Ukraine mit seinen grauenvollen Zerstörungen und brutalen Ermordungen unzähliger Menschen. Und als sei das alles noch nicht genug, ängstigt uns die realistische Aussicht, dass Marine Le Pen heute in Frankreich zur Präsidentin gewählt werden könnte. Wenn das geschieht, ist ganz Europa in Gefahr. Dann werden es die westlichen Demokratien mit ihren Werten wie Freiheit und Frieden schwer haben. Dann wird Putin umso leichteres Spiel mit uns haben. Wie können wir uns angesichts dieser Nöte und Sorgen wie neu geboren fühlen? Wie können wir von Osterfreude beschwingt sein? Und wie mag es denen gehen, die heute eigentlich das Osterfest der orthodoxen Kirche feiern wollten? Den Geflüchteten, die jetzt unter uns leben, weit entfernt von einer vertrauten Gemeinde. Und den vielen Ukrainern, die im Land geblieben sind. Werden sie heute in einer Kirche Trost finden können? Werden sie sich freudig den alten Ostergruß zurufen können: Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Mit diesen Fragen sind wir mitten in Kolossä, einer Stadt im antiken Kleinasien, also der heutigen Türkei, an die der Apostel Paulus oder einer seiner Schüler jenen Brief geschrieben hat, aus dem unser heutiges Predigtwort stammt. Hören wir es nochmals:

In Christus seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, durch Ablegen des sterblichen Leibes, in der Beschneidung durch Christus. Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe. Mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

Das ist steile Theologie in einer erhabenen Sprache und in Bildern, die uns auch beim zweiten Hören nicht näher gekommen sind. Und diese Bilder sollten die zermürbten und resignierten Menschen in Kolossä aufrichten und stärken? Diese Bilder sollten ihren Osterglauben wecken und sie mit neuer Freude erfrischen? – Doch, ich glaube, dass diese Worte Trost und Hilfe sind. Denn in ihnen wird die Osterfreude nicht nur behauptet nach dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“. Das Leid der Menschen wird nicht ausgeblendet, ihre Zweifel und Ängste werden nicht verschwiegen, ihre Sorgen und Schmerzen nicht verdrängt. Sondern in den gewichtigen Worten wird benannt, was uns auf der Seele liegt: Tod und Sünde, also alles, was uns belastet und bedrückt. Alles, was uns an Gott zweifeln lässt und was uns von Gott trennt. Darum wird auch der Schuldbrief mit seinen Forderungen gegen uns genanntalso alles, was wir anderen angetan haben, wissentlich oder unbeabsichtigt, durch unser Tun und unser Weggucken, durch Fehler und Schwächen, durch Gier und Neid, aber auch durch Gleichgültigkeit und Gedankenlosigkeit. Und am Schluss spricht unser Bibelwort Mächte und Gewalten an, also alles, was uns fassungslos und hilflos macht: Ein Aggressor, der sich über jedes Völkerrecht hinwegsetzt und ein souveränes Land mit Bomben drangsaliert. Und die Zwänge, in die wir verwoben sind und die uns seit Kriegsbeginn bewusst geworden sind, namentlich unsere Abhängigkeit von russischem Gas und Öl.

All das wird nicht verschwiegen, sondern benannt, zur Schau gestellt, wie es in unserem Bibelwort heißt. Und darin liegt Trost, weil wir uns ebenso wie die Menschen im antiken Kolossä ernst genommen fühlen. Wir fühlen uns ernst genommen in der Erfahrung, dass sich unser Glaube an der Wirklichkeit reibt: Trotz Ostern ereignet der Karfreitag sich weiterhin. Trotz Ostern bleibt uns nicht erspart, was durch das Kreuz doch überwunden sein sollte. Trotz Ostern scheinen die Mächte der Finsternis den Sieg davon zu tragen. Trotz Ostern jagt der Tod uns Angst und Schrecken ein. – Wer das ausspricht, stellt sich den Dämonen, die das Leben zur Hölle machen können. Und wer aushält, was uns an Leid und Schuld belastet, stellt sich diesen Mächten und Gewalten entgegen und hält ihnen stand. Wer gar bis zum Äußersten geht und Leid und Schuld mit uns und für uns trägt, hat die Kraft, mit der sich die Mächte der Finsternis doch besiegen lassen. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

Es ist die Liebe Gottes, die diesen Sieg davonträgt. Auf den ersten Blick mag eine so hingebungsvolle und verletzliche Liebe schwächer sein als Bomben, die ganze Städte ausradieren, und als Tausende von geschändeten und ermordeten Menschen. Auf den zweiten Blick aber erweist sich die Liebe Gottes als stärker, weil sie Ja zum Leben sagt und Nein zum Tod. Gottes Liebe ist stärker, weil sie in der Ausweglosigkeit von Tod und Sünde einen neuen Weg weist. Einen Weg, der eine unbeirrbare Hoffnung in uns freisetzt. Einen Weg, der uns Osterglauben gegen den Augenschein schenkt. Den festen Glauben nämlich, dass Tod und Sünde nicht das letzte Wort über uns Menschen haben. Sondern das letzte Wort über uns hat die Macht der Liebe Gottes, die sich in der Auferweckung Jesu aus den Toten zeigt. Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe. Mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden.

Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder. Der Glaube an Ostern hat die Kraft, uns zu erneuern und uns in der Nachfolge Jesu zu einem anderen Leben zu befreien. Im festen Glauben, dass Gott trotz Tod und Sünde immer noch und immer wieder Ja zu uns sagt, sagen wir auch Ja zu Gott. Und in der unbeirrbaren Hoffnung, dass Gott auch in grauenhafter Gegenwart zu uns hält, setzen wir uns miteinander für eine bessere Zukunft ein. Osterglaube ist unsere Antwort auf Gottes großes Ja zu uns Menschen. Osterglaube heißt, dass wir mit unserem Gott den Karfreitag überwinden und den österlichen Weg einschlagen wollen: Den Weg vom Dunkel ins Licht, den Weg aus Lähmung und Resignation zur Lebendigkeit und Nächstenliebe, den schweren Weg vom Krieg zum Frieden und vom Hass zur Versöhnung.

Für diesen österlichen Weg stehen wir als Kirche Jesu Christi in der Nachfolge ein, und von diesem Weg lassen wir uns trotz aller Rückschläge nicht abbringen. Denn wir glauben an den, der Tod und Sünde, Mächte und Gewalten besiegt hat. Und dieser Glaube erneuert uns dazu, dass wir füreinander, für die Menschen und für unsere Mitwelt, Verantwortung übernehmen. Dass wir Liebe üben, wo man sich hasst. Dass wir Vergebung leben, wo Schuld uns trennt. Dass wir uns für Projekte der Versöhnung und Friedenssicherung einsetzen. - Und dass wir auch verzichten lernen auf manchen Wohlstand, der uns lieb geworden ist, der aber angesichts von Krieg, Hunger und Flüchtlingselend unverantwortlich ist. Und der zudem zu Lasten der Umwelt und des Klimas geht. – Quasimodogeniti: wie die neugeborenen Kinder. Der Neubeginn, der in Ostern begründet liegt, kann doch nicht heißen, dass wir weiter machen wie bisher. Dass wir uns also weiter auf den Wegen verirren, von denen wir wissen, dass sie verhängnisvoll sind und dass sie Gottes gute Schöpfung zerstören. Sondern die Auferweckung Jesu aus den Toten befreit auch uns dazu, dass wir uns allen totbringenden Mächten und Gewalten entgegenstellen. Mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden. Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe. 

Zwar haben wir heute kein Kind getauft. Aber dieser erste Sonntag nach Ostern will uns daran erinnern, dass wir getauft sind. Durch unsere Taufe gehören wir zur Kirche, zur Gemeinschaft der Heiligen. Wir gehören zur Gemeinschaft derer, die an Ostern glauben und die sich immer neu mit österlicher Hoffnung beschenken lassen wollen in unserem Engagement für das Leben. Amen.

Predigt über Lk 23,33-49 am Karfreitag, den 15.4.2022 - Pastorin Antje Stümke

 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Fürwahr, dieser ist gerecht gewesen!“ – Das sagt ein römischer Hauptmann, nachdem Jesus am Kreuz qualvoll gestorben ist. Und damit erkennt er: Der, der hier soeben gestorben ist, hat den Tod nicht verdient. Und das grauenvolle und demütigende Leiden, dem Jesus in der Folter und am Kreuz ausgesetzt gewesen ist, ist nicht zu rechtfertigen. Diese Kreuzigung, die Todesstrafe der Römer für Rebellen und politische Gefangene, ist vielmehr zu verurteilen. „Denn fürwahr, dieser ist gerecht gewesen!“ - Aber warum nimmt einer, der völlig unschuldig ist, eine Schuld auf sich, die damals auf solch entsetzliche Weise bestraft worden ist? Warum leidet ein Mensch freiwillig so unerträgliche Qualen? Warum stirbt Jesus, der Gerechte, der Sohn Gottes? - Es ist der Evangelist Lukas, der in seinem Bericht der Kreuzigung Jesu den Akzent auf diese Fragen setzt. Seine Erzählung ist an diesem Karfreitag unser Predigtwort. Auch bei Lukas wird uns ebenso wie beim Evangelisten Johannes, dessen Bericht wir eben hörten, von einem Gespräch erzählt, das Jesus am Kreuz führt. Doch waren es bei Johannes die Mutter und der Jünger Jesu, so sind es bei Lukas zwei Verbrecher, die zusammen mit Jesus gekreuzigt werden.

Als sie an die Stätte kamen, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn daselbst und zwei Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ – Und sie teilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand und sah zu. Auch die Obersten spotteten und sprachen: „er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, wenn er der Christus ist, der Auserwählte Gottes.“ Es verspotteten ihn auch die Kriegsknechte, traten zu ihm und brachten ihm Essig und sprachen: „Bist du der Juden König, so hilf dir selber!“ Und über ihm stand die Überschrift: Der Juden König. - Aber einer der Übeltäter, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“ Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: „Fürchtest du dich denn nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir sind mit Recht darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind. Dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ Und er sprach: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Und Jesus sprach zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“- Es war schon um die sechste Stunde, da wurde eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“ Und als er das gesagt hatte, verschied er. - Da aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: „Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen!“ Und alles Volk, das dabei war und zusah, da sie sahen, was da geschah, schlugen sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne und die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

Wenn du wirklich der Sohn Gottes bist, dann hilf dir selber! Nachdem Jesus schon im Verhör qualvolle Schmerzen und höhnischen Spott ertragen hat, machen sich auch im Tod noch alle über ihn lustig. Trotzdem denkt Jesus, der sich immer den Menschen zugewandt hat, der die Kranken geheilt, die Verlorenen gesucht und die Sünder gerufen hat, auch in Qual und Einsamkeit nicht an sich, sondern an uns: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! - Bei diesem Gebet Jesu am Kreuz lässt uns der Evangelist Lukas im Unklaren darüber, an wen Jesus denkt. Ist es die johlende und spottende Menschenmenge zu seinen Füßen? Sind es die beiden Verbrecher an seiner Seite? Oder meint er sie alle – und uns dazu? Denn Jesu Gebet betrifft uns heute wie damals: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Wussten sie es wirklich nicht? Wissen auch diejenigen, die heute foltern, vergewaltigen und töten, nicht, was sie tun? Kann man tatsächlich nicht wissen, dass man gerade einen Menschen umbringt? Kann man es tatsächlich nicht merken, dass man einen Menschen quält, dass man ihn kränkt und verletzt, demütigt und erniedrigt? Kann unser Hass uns so sehr verblenden, dass jeder Anstand in uns völlig ausgeschaltet ist? – Fassungslos und ohnmächtig blicken wir auf das Böse, das sich in unserer Welt immer wieder ereignet, in der Ukraine und anderswo. Auf das Böse, das wir nicht wollen, das wir uns nicht erklären können, und das doch immer wieder von uns Besitz ergreift. Vielleicht wissen wir Menschen also wirklich nicht, was wir tun und wozu wir imstande sein können, wenn wir unsere Vernunft ausschalten, wenn wir unseren Trieben folgen oder wenn wir unsere Macht missbrauchen.

Aber ist das eine Entschuldigung? Kann es uns entschuldigen, wenn wir geltend machen: Wir konnten doch gar nichts dafür! Wir wussten doch gar nichts davon! Und wenn wir es wussten, dann gab es keine andere Möglichkeit als mitzumachen, anderenfalls wäre es uns selbst an den Kragen gegangen! Kann es uns entschuldigen, dass wir nicht wissen, was wir tun, wenn wir heute wegschauen und verdrängen, weil wir das Leid anderer nicht aushalten können? Wir wissen, dass es eigentlich keine Entschuldigung für unser Verhalten gibt, weder für das aktive Mitmachen noch für das passive Weggucken. Weder für die, die damals unter dem Kreuz ungerührt um Jesu Kleider würfelten und ihn verhöhnten, noch für die, die von ferne zuschauten wie die Frauen, die ihm seit Galiläa als Jüngerinnen nachgefolgt waren, noch für die übrigen Jünger, die aus Angst gar nicht erst dabei gewesen sind. Es ist nicht zu entschuldigen, wenn ein Mensch durch die Schuld anderer leidet, weder damals noch heute.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – Jesus betet dennoch so. Vergebung statt Entschuldigung. Ent-schuldigt werden kann Schuld nicht, denn die Tat der Schuld bleibt ja. Gefolterte sind für den Rest ihres Lebens körperlich und psychisch versehrt. Frauen, die im Krieg vergewaltigt werden, bleiben traumatisiert. Und wer in Butscha und Tschernihiw ermordet worden ist, kann nicht wieder zum Leben erweckt werden. Mit der schuldigen Tat bleibt auch die Schuld der Täter. Das müssen wir zunächst einmal aushalten. Denn anders kann den Opfern nicht Gerechtigkeit widerfahren. Die Schuld der Täter bleibt, was uns bei Bösewichtern wie Putin und anderen Diktatoren oder bei Terroristen auch einleuchtet. Da wünschen wir uns ja geradezu eine Bestrafung. Wie aber urteilen wir, wenn wir in viel kleinerem Ausmaß selbst Böses getan haben? Wenn wir einen Menschen so sehr verletzt haben, dass es zum Bruch der Beziehung kam! Wenn Stolz und die Angst, selbst das Gesicht zu verlieren, es unmöglich machen, die eigene Schuld einzugestehen!

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – So betet Jesus für alle, die schuldig geworden sind. Vergebung statt Entschuldigung. Die Vergebung Gottes ist ganz anders als unsere Versuche der Selbstrechtfertigung. Denn Gott behält den Überblick. Wenn Gott Schuld vergibt, hat er beides im Blick: Die Schuld der Täter und das Leiden der Opfer. Vergebung gibt es nicht billig und automatisch und auch nicht ohne Reue. Vergebung geschieht im Gespräch mit Gott über das, was ich getan habe. - So wie Jesus am Kreuz mit dem einen der beiden Rebellen redet. Mit dem, der plötzlich begriffen hat, was hier geschehen ist und der seinen spottenden Kumpan zurechtweist: Fürchtest du dich denn nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und wir beide sind mit Recht darin, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind, aber dieser hat nichts Unrechtes getan!  - Fürchtest du dich nicht vor Gott? Fürchtest du dich nicht davor, dass du heute Gott selbst in seinem Gericht gegenüber treten und dich für deine Taten verantworten musst? Zwar meinten wir, im Recht zu sein, wenn wir als Partisanen die römischen Eroberer aus dem Hinterhalt erschossen haben. Aber haben wir da nicht Gleiches mit Gleichem vergolten? Sind wir besser als die, die wir bekämpft haben? Oder haben wir nicht ebenso wie sie Schuld auf uns geladen?

Wer ist besser? Wem gebührt unser Mitgefühl? – Im Krieg Russlands gegen die Ukraine gehört unsere Solidarität eindeutig den Menschen in der Ukraine. Und das natürlich zu Recht, denn sie sind es, die fliehen müssen, die grausam ermordet und deren Städte und Krankenhäuser sinnlos zerbombt werden. Die ukrainische Armee verteidigt bisher nur das eigene Land. Noch ist keine Rakete gen Moskau geflogen. Auch das bestärkt unsere Sympathie, wir gönnen den Ukrainern die Rückgewinnung der Gebiete um Kiew und fürchten mit ihnen den Großangriff im Donbass. Aber weder das Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung noch die Freude über militärische Erfolge der ukrainischen Soldaten dürfen uns über eines hinwegtäuschen: Es sterben in diesem Krieg auch Russen. Junge Männer, die vielleicht nur 20 Jahre alt geworden sind. Und in Russland hat sich zwar der größere Teil der Bevölkerung von Putins Lügenpropaganda einlullen lassen, aber es gibt auch dort Menschen, die unser Mitgefühl und unser Gebet brauchen. Unzählige Menschen sind in Haft, weil sie gegen den Krieg demonstriert haben, und auch aus Russland sind Menschen geflüchtet, weil sie um ihr Leben fürchten. In einem Krieg gibt es immer auf beiden Seiten Leid und auf beiden Seiten Schuld, wenn auch hier die russische Waagschale das schwerere Schuldgewicht trägt und die ukrainische Waagschale das größere Leidgewicht. Aber auch das darf uns nicht dazu verführen, nun laut auszusprechen, was viele bislang nur gedacht haben: Ich habe ja immer gewusst, dass dem Russen nicht zu trauen ist! Wer so denkt, erklärt alle Bemühungen um Entspannung und Frieden nach dem kalten Krieg für gescheitert.

Zwar mag die Geschichte diesen Skeptikern derzeit Recht geben. Aber vom Kreuz Christi aus betrachtet behalten sie nicht Recht. Da sagt Jesus dem einen, der seine Schuld begreift und bereut: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. – Dieses Urteil Jesu gibt nicht den Kriegstreibern Recht und auch nicht denen, die aus realistischen Erwägungen heraus schon immer für militärische Aufrüstung waren. Denn das Paradies kann nur ein Ort des vollkommenen Friedens sein. Darum setzt sich die Kirche überall auf der Welt für den Frieden ein. Derzeit jedoch bringt Putins Angriffskrieg uns Christen in ein großes Dilemma. Eigentlich wollen wir ohne Waffen Frieden schaffen. Aber die Ukraine hat jedes Recht auf Verteidigung – und braucht dazu Waffen. In einem solchen Dilemma gibt es nicht mehr das eindeutig Gute und das eindeutig Böse, sondern wir werden so oder so in das Böse mit hineingezogen. Damit werden die beiden Verbrecher, die mit Jesus gekreuzigt werden, zu Typen, in deren Gespräch wir unser eigenes Dilemma wiederfinden. Als Partisanen wollten sie ja auch ihr Land und ihre Eigenständigkeit gegen eine Besatzungsmacht verteidigen. Der eine von ihnen bleibt in diesem Freund-Feind-Denken verhaftet, während der andere auch die eigene Schuld sieht und das Leid, das er anderen zugefügt hat.

Ihm sagt Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Heute, am Karfreitag, wird die Tür zum Paradies geöffnet und Vergebung der Schuld ermöglicht. Am Kreuz vollendet sich, was in der Krippe begonnen hat. Zu Weihnachten hat der Engel im Lukasevangelium verkündet: Euch ist heute der Heiland geboren! Und in der Passionsgeschichte sagt Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein!  Wie es in der Geburtsstunde Jesu mitten in der Nacht strahlend hell wurde, weil der Sohn Gottes in die Welt gekommen ist, so wird es in Jesu Sterbestunde zur Mittagszeit stockfinster, weil der Sohn Gottes für uns stirbt. – In Krippe und Kreuz wird uns die Gnade Gottes geschenkt: Heilung aller Wunden und Vergebung aller Schuld. Wer leidet, kann durch das Kreuz Trost und Hilfe empfangen. Den Trost, dass Gott uns im Leiden nicht allein lässt, sondern dass er mit uns trägt, was er uns an Schmerzen zumutet. Und die Hilfe, mit der wir aushalten können, was andere uns an Kränkungen, Verletzungen und Gewalt zufügen. - Ebenso kann in der Finsternis des Kreuzes die Erkenntnis unserer Sünde wachsen. Wie der eine der beiden Partisanen im Blick auf Jesus sein eigenes Unrecht begriffen hat, können auch wir am Kreuz erkennen, warum Jesus so stirbt und warum Gott, der Vater, ihn so sterben lässt.

Denn Jesus nahm nicht nur das Leid der Welt auf sich, sondern ebenso die Schuld der Menschen. Am Kreuz Christi können wir unser eigenes Bild erkennen: Auch unser derzeitiges Dilemma, das uns zwingt, Entscheidungen zu treffen, die wir als Christen eigentlich ablehnen, die angesichts des Krieges aber nötig sind. Vom Kreuz Christi her aber treffen wir diese Entscheidungen nicht selbstherrlich, sondern in Demut und im Bewusstsein, dass wir gerade so oder so schuldig werden, ob wir uns raushalten oder einmischen. In dieser Erkenntnis beten wir wie der reuige Partisan: Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!

Und Jesus antwortet uns: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein! Heute, am Karfreitag und durch mein Kreuz hindurch. Heilung aller Wunden und Vergebung unserer Schuld werden uns im Leiden und Sterben Jesu geschenkt. Im Gericht Gottes, im Gespräch zwischen Gott und mir über alles, was war, in der Erkenntnis unserer Sünde und im Einverständnis über das, was gut und richtig gewesen wäre, wird Vergebung zugesprochen. Und Frieden und Gerechtigkeit werden möglich für Täter und Opfer.

Amen.


Predigt über Mk 10,35-45 an Judika, 3.4.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde,

zwei aus dem Jüngerkreis, nämlich die Brüder Johannes und Jakobus, wenden sich mit einer Frage an Jesus. Und diese Frage scheint es in sich zu haben. Jedenfalls ärgern sich die übrigen Jünger darüber. Und auch uns stößt das Ansinnen der beiden erstmal vor den Kopf. Denn nachdem sie zunächst eine allgemeine Bitte vorgetragen haben, lassen sie die Katze aus dem Sack: Gib uns, Herr, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. Dass wir also in der himmlischen Hierarchie auf Thronen neben dir sitzen. – Kein Wunder, dass die anderen darüber empört sind: Was bilden die sich ein? Was nehmen die sich heraus?

Nun sind uns solche Rangstreitigkeiten durchaus vertraut. Schon kleine Kinder messen ihre Kräfte im Sandkasten und wollen der Stärkste oder die Größte sein. Auch im Sport geht es trotz des hehren olympischen Mottos, dass Dabeisein alles sei, letztlich doch nur darum, wer am besten ist und die Goldmedaille gewinnt. Und in der Geopolitik erleben wir es derzeit wieder einmal, dass mit Putin ein grausamer Autokrat nicht nur seine Muskeln spielen lässt, sondern dass er in seiner Brutalität einen Krieg vom Zaun bricht, in dem bereits Tausende gestorben und Millionen geflüchtet sind.

Als Jesus seine Jünger zusammenruft – nachdem zwei einen Wunsch geäußert und zehn sich darüber geärgert haben -, sagt er ihnen darum: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. So ist es überall, sagt Jesus. Und uns fallen durch die Weltgeschichte hindurch bis in unsere Tage hinein genügend Beispiele dafür ein. Der Machtanspruch einzelner führt, wenn er absolutistisch und egomanisch durchgesetzt wird, zu unvorstellbarem Leid. Zu Hunger und Durst, zur Zerstörung von Häusern und Infrastruktur, zu Verschleppung und Demütigung, zu Folter und Vergewaltigung. So ist es überall, sagt Jesus, aber so ist es unter euch nicht! 

Wirklich nicht? Den Missbrauch von Macht gibt es leider auch in der Kirche. Leider waren es sogar Amtsträger wie Priester, Pastoren und Diakone, die Schutzbefohlenen in sexualisierter Weise Gewalt angetan haben. Und leider ist dies jahrelang von anderen Amtsträgern vertuscht worden, leider ist den Opfern noch immer nicht Gerechtigkeit gegeben worden.

So ist es unter euch nicht!, lässt der Evangelist Markus Jesus sagen. In der Parallelstelle beim Evangelisten Matthäus finden wir dagegen die Worte, die wir vermutlich besser im Ohr haben: So soll es unter euch nicht sein! Während Matthäus einen ethischen Appell an uns richtet, dass wir uns in der Kirche anders verhalten sollen, als wir es in der Welt häufig vorfinden, zeichnet Markus sozusagen das Idealbild der christlichen Gemeinde. Im Ideal gibt es in der Kirche keinen Machtmissbrauch, in der Realität hingegen schon. Doch beide Evangelisten nehmen die Realität wahr, wenn Jesus bei beiden wortgleich fortfährt: Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Mit diesem Wort Jesu sind wir in der Passionszeit und beim Sonntag Judika angekommen. Judika bedeutet: Richte! Judika ist das erste Wort im Tagespsalm 43, dem der Sonntagsname entnommen ist: Richte mich, Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache gegen das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! – Wie viele Menschen können diesen Psalm heute mit beten, mit flehen, mit klagen! Alle Opfer sexualisierter Gewalt, in der Kirche und in der Familie, alle Kinder, die diese Gewalt noch immer erleiden, alle Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen oder sogenannten Ehrenmorden geworden sind. Und ebenso alle, die in der Ukraine in Kellern zittern oder die geflüchtet sind. Alle, die schon seit Jahren in Flüchtlingslagern ausharren oder die durch Bombenhagel traumatisiert sind. In Charkiw und Mariupol, aber auch schon in Grosny, in Bagdad und im Gazastreifen.

Ihnen allen sagt Jesus zu: Ich stehe an eurer Seite, ich erdulde euer Leid mit euch. Ich schaffe euch Recht! Doch ich tue es nicht so, wie ihr es vielleicht erwartet habt. Ich haue nicht mit der Faust auf den Tisch, ich schlage nicht mit einem gewalttätigen Arm dazwischen, ich schicke keinen Attentäter in den Kreml. Die Art, in der Jesus Opfern zu ihrem Recht verhilft, ist nicht von dieser Welt. Denn Jesus vergilt nicht Gleiches mit Gleichem, sondern er erfüllt den Willen Gottes. Er setzt den Weg der Gewalt nicht fort, weil er damit die Gewaltspirale nur anheizen würde. Er widersteht der Versuchung, die Macht an sich zu reißen, und sei es nur, um als einzig guter Herrscher in die Geschichtsbücher einzugehen. Sondern Jesus geht den Weg der Gewaltlosigkeit, obwohl dieser durch das Leiden hindurch führt. Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Diesen Weg kann nicht jeder gehen. Darum fragt Jesus die beiden Jünger, die rechts und links von ihm in seiner Herrlichkeit sitzen wollen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Mit anderen Worten: Könnt ihr es aushalten, dass ihr um meinetwillen leiden werdet? Dass man euch auspeitschen und verhöhnen, demütigen und foltern, quälen und töten werdet? Hätte Jesus uns diese Frage gestellt, hätten wir uns vermutlich kleinlaut verdrückt. Darum ist es erstaunlich, dass Jakobus und Johannes antworten: Ja, das können wir. Das erscheint uns großspurig. Jedoch ist hier vermutlich etwas eingefügt worden, was im direkten Gespräch mit Jesus so noch nicht gesagt worden ist. Die Christen aber, für die Markus sein Evangelium vierzig Jahre nach Jesu Kreuzestod geschrieben hat, wussten schon, dass Jakobus und Johannes wirklich den Märtyrertod gestorben waren. Sie wussten, dass es schon etliche Christen gegeben hat, die unter der Schreckensherrschaft von Kaiser Nero gelitten hatten. Und wie sie wissen auch wir, dass es im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder Menschen gegeben hat, die in der Nachfolge Jesu nicht gekniffen haben, sondern die ihrer Überzeugung bis zum Äußersten, also bis hinein in Leid und Tod, treu geblieben sind.

Aber diesen Weg radikaler Nachfolge kann nicht jeder gehen. Das weiß Jesus, und das weiß unser Gott im Himmel. Und darum weist Jesus das Ansinnen von Johannes und Jakobus trotz deren Märtyrertod ab: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das zu geben steht mir nicht zu, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist. Das ist und bleibt der alleinige Wille Gottes, über den kein Mensch verfügt.

Auch kein Mensch, der auf der Erde unbestreitbar Großes geleistet hat. Auch kein Mensch, der in der Nachfolge Jesu bis zum Äußersten gegangen ist. Wir können uns unseren Platz im Himmel nicht erkaufen, weder durch vollendete Nächstenliebe noch durch ein grauenvolles Martyrium. Das irdische Schema von Leistung und Lohn findet im Himmel keine Anwendung, sondern der Himmel ist anders als die Erde. Ich kann den Himmel nicht einklagen, ich kann ihn mir nicht einmal verdienen. Sondern der Himmel ist Geschenk Gottes. Und auf ein Geschenk habe ich keinen Anspruch, ich kann es mir nur schenken lassen. Darum formuliert Markus Jesu Wort nicht als ethischen Appell, sondern als himmlisches Ideal.

Unser Platz im Himmel ist wie jedes Geschenk unverfügbar und nicht verhandelbar. Behandelt aber und gerichtet wird die Art und Weise, in der ich gelebt habe: Judika! Richte mich, Gott! Richte mich, wo ich anderen Menschen Unrecht getan habe. Und schaffe mir Recht, wo ich unter der Grausamkeit anderer gelitten habe. Denn meist hat es in einer Lebensbilanz ja beides gegeben. Ich habe sowohl eingesteckt als auch ausgeteilt. Auch darum ist es gut, dass der Himmel nicht verdient, sondern nur geschenkt werden kann. In seinem Gericht hat Gott allein den Überblick über mein Tun und Denken, sowohl über das Gute, das mir gelungen ist, als auch über das Böse, das ich anderen zugefügt habe. Gott hat auch den Überblick behalten über die vielen Menschen, die wir schon längst wieder vergessen haben und die doch noch immer leiden. Wir denken nur an das Tagesgeschehen, und das wird durch den Krieg in der Ukraine beherrscht. Natürlich ist das, was dort geschieht, furchtbar, und natürlich muss darüber berichtet werden. Aber denken wir noch an all die anderen Menschen, die ebenso unter Krieg und Gewalt leiden müssen. Afghanistan haben wir völlig aus dem Blick verloren, ebenso den Nahost-Konflikt und die Unruheherde in Afrika. Auch dort leiden Menschen, das wissen wir. Aber in unserer menschlichen Begrenztheit können wir nicht an alle zugleich denken, uns über alle informieren, allen helfen oder für alle beten. Wie gut ist es darum, dass Gott nichts und niemanden vergisst, dass er uns vielmehr alle im Blick behält. In seinem Gericht richtet er die Übeltäter zurecht, denn das Böse soll keinen Eingang in den Himmel finden. Und in seinem Gericht richtet er die Opfer auf, damit ihnen Gerechtigkeit widerfährt. 

Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. – Zwar konnte auch Jesu Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit das Leiden nicht auslöschen. Aber wer leidet, hat Jesus an seiner Seite. Der gekreuzigte Gott kennt unser Leiden, teilt unser Leiden, leidet mit uns. Und unser Platz in der Nachfolge Jesu ist auf der Erde, wo wir an unserem Ort dafür sorgen können, das sich Leiden zumindest mindert. Für unseren Platz im Himmel wird Gott dann sorgen. Amen.


Predigt über 2 Kor 1,3-7 an Laetare, 27.3.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn JC. Amen.

Liebe Gemeinde,

in den meisten Kirchen gibt es sogenannte Paramente, gewebte Tücher an Altar und Kanzel in unterschiedlichen Farben. Derzeit, also in der Passionszeit ist die liturgische Farbe violett. Am heutigen Sonntag Lätare hingegen ist es rosa. Ich vermute, dass kaum eine Kirche ein Parament in dieser Farbe besitzt, weil es nur einmal im Jahr aufgehängt werden würde und man die Kosten darum gespart hat. Warum aber rosa? Es ist violett mit weiß gemischt. In das violett der Passionszeit mischt sich das weiß von Ostern, die Farbe der Auferstehung. In Trauer und Schmerz hinein winken Trost und Leben. Und dieser Sonntag in der Mitte der Passionszeit trägt den Namen Laetare: Freue dich!

Freude im Leid, Freude trotz allem Leid? Einerseits wünschen wir uns das, und wir haben ja auch viel Anlass zur Freude. Unsere Welt ist wunderschön, von Gott wunderbar geschaffen, und wir genießen den Frühling und das schöne Wetter. Andererseits aber gibt es so viel Leid. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Menschen in der Ukraine, die so viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit erdulden müssen. Wir denken an die vielen Soldaten, die in diesem Krieg schon getötet oder verwundet worden sind. Wir denken an die unzähligen Opfer aus der Zivilbevölkerung. Wir denken an alle, die auf der Flucht sind oder die noch immer in Kellern ausharren – ohne Heizung, ohne Strom, ohne Nahrung. Hilft es ihnen, wenn wir heute ein rosa Parament aufhängen? Oder ist das eine billige Vertröstung, die uns dazu verleitet, alles durch eine rosarote Brille zu sehen? Können Menschen, die unter Krieg und Gewalt leiden, darauf vertrauen, dass Ostern in unsere Wirklichkeit hineinstrahlt? Können Kranke und Verzweifelte, Hungernde und Geflüchtete an die Güte Gottes glauben?

„Kommen Sie mir bloß nicht mit Gott!“ - So höre ich es von Menschen, die in ihrem Leid verbittert sind. Manchmal sind wir einfach untröstlich, manchmal ist uns viel eher nach Weinen als nach Lachen zumute, manchmal bleibt uns alle Freude im Halse stecken. Das Leid macht uns sprachlos und hilflos. Ist österliche Freude nicht eine Zumutung für leidende Menschen oder gar eine Verhöhnung ihrer Schmerzen? Sind wir Christen eigentlich noch bei Trost, wenn wir österliche Hoffnung wagen und diesen Glauben in die Welt tragen? – Ja, ich vertraue fest darauf, dass wir bei Trost sind, und ich hoffe für unsere Welt, dass wir auch bei Trost bleiben. Bei dem Trost nämlich, den unser Gott uns trotz allem und in allem schenkt. Dass wir bei dem Trost bleiben, von dem wir schon in der ersten Lesung hörten:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir trösten können, die da sind in allerlei Trübsal, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, welcher sich wirksam erweist, wenn ihr leidet mit Geduld dieselben Leiden, die auch wir leiden. Und unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: So wie ihr des Leides teilhaftig seid, so werdet ihr auch des Trostes teilhaftig sein.

So wie ihr des Leides teilhaftig seid, so werdet ihr auch des Trostes teilhaftig sein! – Ist das auch unsere Sichtweise? Können wir wie der Apostel Paulus Leid und Trost in einem Atemzug nennen und sie in einen Zusammenhang stellen? Das ist uns fremd. Wir verbinden Leid nicht mit Trost, sondern mit Klage. In Krieg und Flucht, aber auch in persönlichem Leid wie einer schweren Krankheit oder dem Verlust eines geliebten Menschen, können wir keinen Trost entdecken. Wenn uns ein solches Schicksal trifft, sind wir zunächst oder gar für lange Zeit untröstlich. Dann sind wir im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr bei Trost. Und wir fragen Gott und uns: Warum? Womit habe ich das verdient?

Die Frage ist berechtigt. Ebenso die Klage darüber, dass Gott uns manchmal mehr zumutet, als wir ertragen können. Und besonders ungerecht ist doch, dass es oft gerade die Unschuldigen sind, denen Gott besonders viel zumutet oder die unter der Grausamkeit anderer zu leiden haben: Die hochschwangeren Frauen, die Opfer des Beschusses der Geburtsklinik geworden sind. Die Kinder im Jemen mit ihren Hungerbäuchen, die jungen Menschen in den Flüchtlingscamps, die Mädchen in Afghanistan, die seit der Machtübernahme der Taliban keine Schule mehr besuchen dürfen. Ihr Leid macht uns hilflos. Da können wir nur klagen: Warum? Es scheint, als gäbe es manchmal kein Entrinnen, keine Chancen für die Zukunft und keine Garantie auf körperliche Unversehrtheit. Wir verstehen das Leiden nicht, müssen aber doch erkennen, dass es zu unserer Welt gehört. Es gehört dazu, auch wenn wir es verdrängen und die Augen davor verschließen, solange es nicht uns selber trifft. Das Leiden gehört zum Leben in dieser unerlösten Welt dazu.

Darum kann Paulus auch ganz nüchtern sagen, dass wir des Leides teilhaftig sind. Und er meint damit jedes Leiden: Das Leiden, das uns wie ein Schicksalsschlag trifft und für das wir keine Erklärung finden. Und ebenso das Leiden, das Menschen einander durch Grausamkeit oder die Ausbeutung der Natur zufügen. Beides, sowohl das unerklärliche Leid als auch das Leid, das seine Ursache in menschlicher Schuld hat, ist im Leiden Christi zusammen gefasst. Am Kreuz hat Jesus mit uns unsere Krankheit und unsere Schmerzen ausgehalten und für uns unsere Schuld gebüßt. Darum sind wir, wenn wir leiden, immer schon und immer wieder des Leidens Christi teilhaftig. Wir haben Anteil an seinem Leid, weil er zuerst an unserem Leid Anteil genommen hat.

Diese Anteilnahme Gottes an unserem Leiden trägt in sich die Kraft zum Trost. In Gottes Anteilnahme gehen Leid und Trost die feste Verbindung ein, von der Paulus spricht. Darum kann Paulus die Gemeinde in Korinth und uns sogar zur Geduld im Leiden auffordern, weil sich in dieser Geduld der Trost des gekreuzigten Gottes erweist. Geduld ermöglicht nämlich Nachdenken. In Geduld kann ich jede Sache von allen Seiten betrachten, sogar das Leid. Auch in Geduld werde ich über Schmerzen schreien und über jede Ungerechtigkeit klagen. Auch in Geduld frage ich mich, womit Menschen es verdient haben, von Soldaten ermordet zu werden, nur weil ein lügender und grausamer Autokrat es befiehlt. Doch in Ungeduld schalte ich den Fernseher aus, weil ich die Bilder nicht mehr ertragen kann. In Geduld aber kann ich wahrnehmen, was mitten im Leid auch geschieht, nämlich Hilfsbereitschaft und Solidarität mit den Opfern – auch in der Ukraine selbst. Da besorgen mutige Menschen Mehl und Medikamente für diejenigen, die sich nicht aus den Kellern heraustrauen oder die nicht mehr laufen können. Und in ganz Europa spenden Menschen Geld, Möbel, Kleidung und Nahrungsmittel. Menschen öffnen ihre Häuser für Geflüchtete. Und überall auf der Welt versammeln sich Menschen zum Gebet. Wenn das kein Zeichen für Trost und Hoffnung ist! Und dafür, dass Geduld in Leid und Katastrophe gute Früchte tragen kann. - Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal!

Gott tröstet uns in unserer Trübsal. Das ist keine billige, rosarote Vertröstung. Sondern den Trost Gottes können wir genauso erfahren wie das Leid. Dieser Trost verharmlost das Leiden nicht, weil uns Gottes Trost mitten im Leid zuteil wird. Der gekreuzigte Gott nimmt unser Leid ernst und tröstet uns in aller unserer Trübsal. Gottes Trost ist keine Vertröstung, sondern Hilfe zum Leben mit dem Leid und Kraftquelle, um im Leid nicht zu verzweifeln.

Dieser Trost und diese Quelle der Zuversicht sind ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und mir oder zwischen mir und dir. Den Trost, den wir von Gott empfangen haben, geben wir einander weiter. Gott tröstet uns in all unserer Trübsal, damit wir trösten können, die da sind in allerlei Trübsal, mit dem Trost, mit dem wir selbst getröstet werden von Gott. So wie Gott in Jesus Christus an unserem Leid Anteil nimmt, so nehmen wir in der Nachfolge Jesu Anteil am Leid anderer und trösten einander. So ein Trost kann eine Hilfsaktion sein, eine Solidaritätsbekundung oder ein gemeinsames Gebet. Meist aber besteht Trost darin, dass wir einander zuhören, dass wir einen leidenden Menschen ausreden lassen, dass wir seine Tränen aushalten und seine Klage zulassen. Das ist tröstlich, weil sich der leidende Mensch angenommen fühlt, wenn wir ihm zuhören. Untröstlich aber bleiben die, die sich im Leiden unverstanden und allein gelassen fühlen. Etwa dann, wenn die anderen wirklich nur rosarote Bilder malen: „Kopf hoch, das wird schon wieder.“ – Wird es wirklich wieder? So vieles ist und bleibt ungewiss – in der Ukraine und in vielen anderen Regionen der Welt. Manche Krankheit kann nicht geheilt werden. Manche Trennung ist endgültig. Und der Klimawandel kann bestenfalls gestoppt, aber nicht mehr rückgängig gemacht werden. Wer die Klage darüber aussprechen kann, sei es im vertrauten Gespräch oder im gemeinsamen Gebet, kann sich dennoch gestärkt und getröstet fühlen.

Dies wird auch im griechischen Wort für Trost deutlich. Dieses Wort, das Paulus ja in seinem Brief benutzt, bedeutet wörtlich übersetzt: Zuruf. Trost ist das, was ich mir nicht selbst sagen kann, sondern was ein anderer mir zuruft, nachdem er mir zugehört hat. Trost ist der Zuruf Gottes, der uns Menschen immer liebt, auch mit unseren Schmerzen und mit unserer Schuld. Ein solcher Zuruf kann ein Aufruf zurück ins Leben sein. Ein Aufruf zu Mut und Kraft, zu Solidarität und Zivilcourage, zu Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Dieser zugerufene Trost vermittelt eine Hoffnung, die über das Hier und Jetzt hinausweist und die uns eine andere Wirklichkeit vor Augen stellt.

Denn gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Das ist die Wahrheit von Ostern, die an diesem Sonntag Laetare in die Passionszeit und in menschliches Leid hinein leuchtet. Auch wenn wir leiden, besteht unser Leben niemals nur aus Leid, sondern im Trost Christi wird uns Freude zuteil. Da, wo wir uns entsetzt und hilflos abgewendet haben, empfangen wir Kraft und Lust zu einem Engagement für die gemeinsame Zukunft. Und dort, wo wir aneinander schuldig geworden sind, wird uns im Zuruf Gottes Vergebung geschenkt, so dass auch wir aufeinander zugehen und uns miteinander versöhnen können. Dank Gottes Erbarmen bleiben wir wirklich bei Trost, nämlich wunderbar getröstet und aufgerichtet durch den Zuruf der Liebe Gottes.

Amen.


Predigt über Mk 8,31-38 an Estomihi, 27.2.2022 - Pastorin Antje Stümke

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

gib uns Frieden jeden Tag, gib uns Freiheit, gib uns Freude! So haben wir gerade gesungen und gebetet. Und auch: Lass für Frieden uns und Freiheit immer tätig sein! – Aber haben wir uns wirklich dafür eingesetzt? Oder haben wir nur die Früchte genossen, die aus Frieden und Freiheit wachsen: Bildung, Wohlstand und Komfort. In Frieden und Freiheit zu leben ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden. So sehr, dass wir zwar mit Betroffenheit in die Regionen der Welt geblickt haben, in denen Bürgerkriege toben, dass wir die Nachrichten darüber aber immer schnell wieder vergessen haben. Syrien – ja, da gibt es Krieg, aber der währt nun schon so lange, dass wir uns daran gewöhnt haben. Schließlich ist die Lage im Nahen Osten ohnehin instabil, und wirklich gekümmert hat uns das nie, bis 2015 plötzlich Abertausende von Flüchtlingen an unseren Grenzen standen. Mali - ach ja, da ist die Bundeswehr auch im Einsatz, aber glücklicherweise liegen das Mittelmeer und die Sahara zwischen Europa und den Konfliktgebieten Afrikas. Myanmar - richtig, da hat vor einem Jahr das Militär geputscht, aber wo liegt das eigentlich genau? Der Jemen – wie, da wird auch Krieg geführt?

Lass für Frieden uns und Freiheit immer tätig sein! Ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass wir genau das nicht getan haben. Sondern wir haben uns in der Komfortzone von Frieden, Freiheit und Wohlstand eingerichtet. Und was hätten wir – so wenden wir zu unserer Rechtfertigung ein – denn tun können für die Menschen in Syrien und Palästina, im Sudan und im Jemen, in Mali und Myanmar? Was können wir nun für die Menschen in der Ukraine tun? – Wie bei allen anderen Kriegen würden wir auch hier am liebsten den Fernseher ausschalten und die Augen vor dem Leid der Menschen verschließen. Nicht aus Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit – so unmenschlich sind wir dann doch nicht. Sondern aus Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit. Die Älteren unter uns, die den zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, wissen genau, wie es sich anfühlt, verängstigt in einem Keller zu sitzen, während Raketen in Häuser hineinschießen. Oder wie es ist, wenn man bei Nacht und Nebel plötzlich die Heimat verlassen muss, nur dass es damals Trecks mit Pferd und Wagen waren und heute kilometerlange Autostaus.

Wer damals Krieg und Flucht erlebt hat, mag durch die Bilder aus Kiew nicht daran erinnert werden, denn die Erinnerungen tun noch immer weh. Und wir Jüngeren wollen nicht wahrhaben, dass wirklich passiert ist, wovon wir meinten, dass wir es Gott sei Dank niemals würden erleben müssen: Ein Krieg in Europa! Nicht nur ein regionaler Konflikt in Nordirland oder im Baskenland. Sondern ein echter Krieg mit einem technisch hoch gerüsteten und über die Maßen gefährlichen Aggressor, der einfach in ein souveränes Land einmarschiert. Ein Krieg in unserer Nähe! Ein Krieg, der uns ganz anders betrifft, als es die Bundeswehreinsätze im Kosovo und in Afghanistan taten. Denn dieser Krieg bedroht nicht nur deutsche Soldaten, sondern er verängstigt uns alle. Ist Putin zu stoppen? Wird er sich nach der Ukraine auch die baltischen Republiken einverleiben? Wird er seine Drohung wahrmachen und sogar einen Atomkrieg wagen? Wird das Undenkbare, das Ungeheuerliche wirklich passieren?

 

Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf.

Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf.

Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt.

Wir rufen, Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Die Erde wartet sehr.

Es wird so viel gelitten, die Furcht wächst mehr und mehr.

Die Horizonte grollen, der Glaube spinnt sich ein.

Hilf, wenn wir weichen wollen, und lass uns nicht allein.

Dieses Lied beschreibt sehr gut die aktuelle Situation mit dem Grollen der Geschosse und Putin als mächtigem Lügner, der sich über jedes Recht hinwegsetzt. Ebenso benennt der Dichter unsere Angst und Hilflosigkeit. Der Glaube spinnt sich ein! – Was bedeutet das? Es bedeutet, dass wir nur uns selbst sehen: Unsere Angst vor Putin. Und unsere Angst vor den Folgen, die die Sanktionen für unser Portemonnaie haben werden: Steigende Gaspreise, um nur eines zu nennen. Werde ich mir da den geplanten Urlaub noch leisten können?

Wer so denkt, denkt wie Petrus in unserem Evangelium. Petrus, zu dem Jesus die unfassbar grausamen Worte spricht: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Petrus wollte es einfach und bequem haben, und dazu gehörte, dass er es nicht aushalten konnte, als Jesus frei und offen davon redete, welches Leid er erdulden und welchen Tod er bald sterben würde. Wie wir wollte Petrus sich die Ohren zuhalten und die Augen vor der Realität menschlicher Grausamkeit schließen. Wie wir wollte er davon nichts wissen. Dass Jesus ihn darum als Satan bezeichnet, erscheint uns aber völlig überzogen. Der Satan im Ukraine-Krieg ist ja wohl Putin! – Dass Putin mit seiner Aggression, seinem Machtmissbrauch, seinen Lügen und seiner ideologischen Geschichtsfälschung dämonische Züge trägt und Böses tut, ist unbestritten. Aber darauf allein dürfen wir uns nicht ausruhen. Weder die Regierungen der westlichen Welt, weder EU noch Nato. Aber auch nicht wir als einzelne, und schon gar nicht wir als christliche Gemeinde in der Nachfolge Jesu.

Denn um Nachfolge geht es in unserem Evangelium und in Jesu drastischen Worten. Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 

Nachfolge, das macht Jesus hier unmissverständlich klar, ist nicht nur „ein bisschen Frieden“ oder „ein bisschen Liebe“. Nachfolge ist weder gemütlich noch bequem. Sondern Nachfolge kann Mut und Entschlossenheit fordern und sogar das Leben kosten. So war das bei vielen Märtyrern früherer Jahrhunderte oder bei überzeugten Christen wie Dietrich Bonhoeffer. Und heute sehe ich diesen Mut bei Menschen, von denen ich gar nicht weiß, ob sie Christen sind, nämlich bei den Tausenden, die in Moskau und anderen russischen Städten gegen den Krieg demonstriert haben und die nun in Gefängnissen sitzen. Vielleicht verlieren sie ihr Leben – ob um Christi und des Evangeliums willen, wissen wir nicht. Aber sie nehmen keinen Schaden an ihrer Seele, weil sie sich nicht von Putins Lügen haben einlullen lassen, weil sie nicht blind und taub geworden sind für das Leid anderer, weil sie sich vielmehr für ihre Überzeugung, nämlich für Recht und Gerechtigkeit, für Frieden und Freiheit engagiert haben.

Zu einer so entschlossenen und mutigen Nachfolge sind sicher die wenigsten unter uns fähig. Davor haben wir vermutlich alle – auch ich – viel zu große Angst. Ich bin darum meinem Gott zutiefst dankbar, dass ich diese Predigt halten kann ohne befürchten zu müssen, deshalb morgen von der Polizei verhört zu werden. Für uns, die wir feiger sind als andere, sollte Nachfolge daher zumindest Demut und Dankbarkeit bedeuten. Zur Demut gehört das ehrliche Schuldeingeständnis, dass wir Angst haben und dass unsere Angst uns blind werden lässt, so dass wir das Leid anderer aus unserem Leben und aus unseren Gedanken ausblenden. Zur Demut gehört die Betroffenheit darüber, dass wir als Christen in der Nachfolge Jesu sogar im Gebet nachlässig geworden sind. Unsere Angst ist nachvollziehbar und verständlich, aber kein Gebet wird uns das Leben kosten oder uns unserer Freiheit berauben. Wenn wir das Gebet vergessen, zeigen wir vielmehr, dass wir die Menschen und ihr Leid vergessen. Oder dass wir es nicht aushalten, überhaupt an sie zu denken.

In dieser Vergesslichkeit und mangelnden Demut vergessen wir ebenso die Dankbarkeit. Ältere Menschen, die den Krieg erlebt haben, erzählen mir, dass sie Gott jeden Abend danken, weil sie wieder einen Tag in Frieden und Freiheit erleben durften. Tun wir Jüngeren das auch? Oder hat uns die erlebte Selbstverständlichkeit dieser hohen Güter gedankenlos gemacht? Gedankenlos und darum zugleich undankbar. Denn Dank ist nichts anderes als das Denken an Gott und an das Gute, das wir unverdient erleben. - Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 

Ja, was hilft es uns, wenn wir auch in diesem Sommer ungerührt nach Mallorca fliegen? Sicher wird es da schön sein, Mallorca liegt ja nicht am Schwarzen Meer. Und natürlich müssen wir jetzt nicht auf jede Freude verzichten, auch im Krieg dürfen wir Geburtstage feiern und Freunde treffen, wenn die pandemische Lage das in den Sommermonaten wieder gefahrlos zulässt. Das verbietet auch Jesus nicht, der selbst gern mit seinen Jüngerinnen und Jüngern gegessen und getrunken hat. Aber in unserem Predigtwort weist er uns darauf hin, dass wir einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen werden: Wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. – Was wird es uns helfen, wenn wir hier auf der Erde zwar gut und fröhlich gelebt haben, wenn unsere Seele aber Schaden genommen hat, weil wir schuldig geworden sind am Leid anderer?

Schuldig nicht durch böse Taten! Für solche haben sich Putin, Assad und andere zu verantworten. Wohl aber schuldig durch fehlende Demut und Dankbarkeit. Schuldig durch unsere Angst und Hilflosigkeit, die uns gedankenlos werden lässt. Nachfolge muss für uns darum mindestens zweierlei bedeuten: Das Gebet und die Bereitschaft zum Verzicht. Die Sanktionen werden Folgen für uns haben. Aber das darf uns nicht kopflos machen. Auch wenn ich mir diese Kreuzfahrt oder jenes Auto in den kommenden Jahren nicht leisten kann, wird es mir doch immer noch viel besser gehen als den Menschen in Kiew und im Donbass. Besser als den Millionen Flüchtlingen weltweit. Besser als allen, die in einer Diktatur leben oder die in Gefängnissen gefoltert werden. Das muss uns auch großzügig machen gegenüber all den Menschen, die jetzt aus der Ukraine flüchten. Irgendwo in Europa müssen sie freundliche Aufnahme und eine Wohnung finden, ob übergangsweise oder dauerhaft, wissen wir noch nicht. Auch das wird Geld kosten.

Wir werden darum sicher auf manches verzichten müssen, woran wir uns gewöhnt haben. Dennoch werden wir weiterhin eines der Länder mit der höchsten Lebensqualität überhaupt sein. Das allein sollte uns demütig und dankbar machen. Und dazu ist es wichtig, dass wir als Christen nicht aufhören zu beten. Denn im Gebet zeigen wir den Menschen in der Ukraine, dass ihr Leid uns nahegeht und dass wir an sie denken. Im Gebet offenbaren wir unsere Angst und bringen wir unsere Hilflosigkeit vor Gott. Im Gebet drängen wir Gott, dass er helfen und böse Menschen zu Einsicht und Umkehr bewegen möchte. Im Gebet bitten wir auch für diejenigen, die mutiger sind als wir selbst, dass Gott ihnen Kraft schenken und sie bewahren möge.

Im Gebet bitten wir um die Hilfe Gottes zum Frieden – so wie wir es gleich singen werden:

Gib Frieden, Herr, wir bitten! Du selbst bist, was uns fehlt.

Du hast für uns gelitten, hast unsern Streit erwählt,

damit wir leben könnten, in Ängsten und doch frei,

und jedem Freude gönnten, wie feind er uns auch sei.

 

Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt

hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt!

Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt,

und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt.

 

Amen.

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